Kritik zu Souleymans Geschichte
Das halbdokumentarische Porträt eines afrikanischen Fahrradkuriers in Paris, der sich in einem Rennen gegen die Zeit auf seine Asylanhörung vorbereitet, wurde auf dem Filmfestival in Cannes mit Preisen überhäuft.
Souleyman rast. Von Restaurant zu Restaurant, von Wohnungstür zu Wohnungstür, von der Metro zum Bus ins Obdachlosenheim in der Banlieue. Mit dokumentarischer Genauigkeit werden in diesem Film zwei Tage und Nächte im Leben eines Fahrradkuriers nachinszeniert. Und damit wird auch die Schattengesellschaft illegaler Migranten, in Frankreich »sans-papiers« genannt, beleuchtet, deren erste Etappe in Europa oft Jobs unter falschem Namen bei Essenslieferdiensten sind. Souleyman steht nicht nur körperlich unter Stress; er ist, quasi verwachsen mit dem Smartphone, auch mental in mehreren Welten unterwegs, muss Kontakt zu seiner kranken Mutter in Guinea halten und zu dubiosen Mittelsmännern, denen er seinen Lohn abliefert, im Tausch gegen einen Namen, gefälschte Dokumente und Unterweisungen für die Anhörung in der Ausländerbehörde. Denn Souleyman muss, um politisches Asyl zu bekommen, wie Gérard Depardieu im Liebesfilm »Green Card«, das Lügen lernen. Dieser Termin, bei dem er das Bleiberecht in Frankreich erlangen will und auf den er all seine Kraft konzentriert, stellt den Abschluss des Films dar.
Die unsentimentale Betrachtung der Abhängigkeiten und Fallstricke in Souleymans prekärer Existenz erinnert an die Sozialdramen von Ken Loach und den Dardenne-Brüdern. Die verzweifelte Getriebenheit und kinetische Energie des Helden in seinem permanenten Rennen gegen die Zeit gemahnt aber auch an »Lola rennt«. Sogar die Actionszenen, in denen der Auslieferer durch Paris hetzt, wurden mit Fahrrädern gedreht, unter anderem von einem im Korb eines Lastenfahrrads sitzenden Kameramann. Die immersive Wirkung dieser Perspektive ist umso größer, als man sich in Großstädten angewöhnt hat, Fahrradauslieferer mit ihren halsbrecherischen Manövern als lästiges, sogar gefährliches Phänomen zu betrachten – sie aber ansonsten als menschliches Strandgut zu ignorieren. Der fast vollständig mit Laien gedrehte Film gibt diesen Unsichtbaren ein Gesicht. Er zeigt, wie gedankenlose Kunden den Auslieferer warten lassen, anraunzen, ihrem Frust in schlechten Bewertungen Luft machen. Regisseur Boris Lojkine streift die Ausbeutungsmechanismen dieser Gig Economy allerdings nur, ohne sie thematisch zu vertiefen.
Der aus Guinea stammende Hauptdarsteller Abou Sangaré, ein Automechaniker in Amiens, hat nach drei Anläufen ein befristetes Bleiberecht erhalten, vielleicht auch wegen der Preise, die er etwa als bester Nachwuchsdarsteller in Cannes verliehen bekam. In Souleymans Geschichte, die in Teilen seiner eigenen ähnelt, hat er seine Erfahrungen eingebracht. In einer geglückten Volte bekommt der Film gerade durch den Kontrast zwischen formalisierter Bürokratensprache und Emotion in dem einem Verhör ähnelnden Interview bei der Behörde eine ergreifende überzeitliche Dimension. Die falsche und die wahre Geschichte, Souleymans Odyssee durch Afrika bis in die Straßen von Paris sind zugleich dokumentarisches Zeugnis einer sich wandelnden Welt und episches Kino der Realität.



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