Kritik zu Sohn der weißen Stute

© Drop-Out Cinema

1981
Original-Titel: 
Fehérlófia 
Filmstart in Deutschland: 
13.08.2020
L: 
81 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Von Baumausreißern, Steinbröcklern und Eisenknetern: Ein wiederentdecktes ungarisches Animationsjuwel aus den achtziger Jahren kommt in digital restaurierter Fassung ins Kino

Bewertung: 4
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Der Beginn gleicht einer psychedelischen Transformationsorgie. Immer neue Formen und Farben entstehen, gehen ineinander über, trennen sich erneut, gleichen in der einen Sekunde der einen Gestalt und in der anderen einer anderen. Ecken und Kanten wechseln mit Rundungen und Wölbungen. Pastelltöne beißen sich, Sattfarben krachen aufeinander, und in allen Schattierungen des Regenbogens leuchtet und schmeichelt, strahlt und schwelgt es. Alles passiert gleichzeitig und in alle Richtungen. Es ist, als würde man im LSD-Rausch durch ein Kaleidoskop auf Speed schauen. Es vermehrt und verändert sich unablässig – und das ist ja auch ganz richtig so, denn zu sehen ist hier ein Ursprungsmythos.

»Der Sohn der weißen Stute«, der zweite Langfilm des ungarischen Animationskünstlers Marcell Jankovics, 1981 uraufgeführt und nunmehr digital in seiner ganzen Pracht restauriert, beruht auf Motiven alter Volksmärchen. Da geht es bekanntlich gern ums große Ganze respektive darum, wie es entstanden ist, was es sodann aus welchem Grund aus dem Gleichgewicht brachte und warum nun, zum Zeitpunkt des Einsetzens der Erzählung, der Held die alte Ordnung wiederherstellen muss.

Also beruhigen sich, nach einer Weile, die Bildfolgen immerhin so weit, dass die Narration eine Chance hat und der titelgebende Held, Baumausreißer genannt, auf seine beiden Brüder, Steinbröckler und Eisenkneter, trifft und die drei sich an ihre Aufgaben machen können: nämlich in eine Art Höllenschlund hinabzusteigen und dort die drei Feenprinzessinnen aus den Klauen dreier Drachen zu befreien und damit die Erde von Finsternis und Sklaverei. Unnötig zu sagen, dass es die weibliche Neugierde war, die die Prinzessinnen in die Bredouille brachte und die weiße Stute, Gebärerin der Helden und kosmische Urmutter, in Bedrängnis.

Doch ist dieses opulente, den Reiter- und Nomadenvölkern dieser Erde gewidmete Werk kein Hausmärchen, das von Edelfräulein in Nöten handelt, die von mutigen Rittern errettet werden; und sie lebten auch nicht glücklich und zufrieden bis an ihr Ende. Das Werden und Vergehen, das die zeichnerische Machart der Animation von »Der Sohn der weißen Stute« bestimmt, ist auch eigentliches Thema der Geschichte: zyklische Wechsel und kosmisches Gleichmaß finden sich vielfältig und symbolhaft in den Figuren wie in deren Handlungen gestaltet. So sind die drei Helden als metaphorische Repräsentationen der Morgen-, Mittags- und Abendsonne zu lesen, verkörpern die drei Feen unterschiedliche Aspekte von Weiblichkeit gebunden an Jahreszeiten, vertreten schließlich die Drachen drei an Kraft je zunehmende Mächte der zivilisatorischen Zerstörung. Auch die eindeutig sexuellen Assoziationen, mit denen die visuelle Ebene des Films durchwirkt ist, verweisen auf den Kontext des Stoffes, das Reich der Fruchtbarkeitsmythen.

Wer will, kann sich auch einfach nur an den volkstümlichen Mustern freuen, die in der Textil- und Keramikgestaltung Osteuropas ihren Ursprung haben und hier, in dynamische Bewegung gebracht, ungeheuren Ausdrucksreichtum entfalten.

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