Kritik zu Sherlock Holmes

© Warner Bros. Pictures

Als »James Bond im Jahr 1891« beschrieb Produzent Joel Silver das Konzept für Guy Ritchies Neuauflage des britischsten aller Detektive. Das Schöne ist: Auch die Figur des Watson erhielt ihr »Make-over«

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Mal ehrlich gesagt: Der Trailer ließ wenig Hoffnung, dass dieser modernisierte »Sherlock Holmes« funktionieren könnte. Viel zu hektisch und rasant zischte und hetzte der Blick da durchs historische London. Rasante Fahrten, Reißschwenks, Stakkatoschnitte und jede Menge atemloser Action vermittelten nicht das Gefühl, dass dieser Budenzauber noch irgendetwas mit dem Geist von Sir Arthur Conan Doyle zu tun haben könnte und mit seinen beiden Helden, die für die Genauigkeit ihres Blicks und die Schärfe ihrer Schlussfolgerungen berühmt sind. Und dass ausgerechnet Guy Ritchie der richtige Mann für eine Verfilmung dieses klassisch ehrwürdigen Stoffes sein könnte, das musste man schon bezweifeln, bevor die ersten Trailerszenen zu sehen waren. Ritchie, ein Regisseur, für den das Kino seit »Bube Dame König Gras« vor allem eine atemlose, labyrinthische Achterbahnfahrt aus Zeitsprüngen, Rückblenden und Parallelhandlungen ist, die er mit dreckig coolen Gangsterposen dekoriert. Allein Robert Downey Jr. – ein Amerikaner mit einem Hauch von herablassender Britishness – fungierte da noch als Gewährsmann für eine zugleich in der Tradition geerdete und der Moderne lakonisch zuzwinkernde Reprise des Detektivs, den vor ihm schon rund 70 Schauspieler in 200 Verfilmungen verkörperten.

Doch nun die Überraschung! Was für ein Spaß! Welch auserlesenes Vergnügen! Gewiss, es gibt die ganzen Merkmale eines Guy-Ritchie-Films, das halsbrecherische Tempo, die rasanten Bewegungen und die zackigen Schnittfolgen, doch sie erweisen sich als kongeniale Übersetzung der Schärfe und Schnelligkeit des meisterdetektivischen Verstandes in die Bilder, sozusagen als kürzester Weg zwischen den Stationen einer Indizienkette. Das London, in dem Ritchie zu Hause ist, versinkt in der Düsternis der viktorianischen Zeit, lange bevor das Licht der modernen Verbrechensbekämpfung in jeden Winkel dringen kann, eine sinistre Unterwelt, an den Docks, in Kellergewölben und schmuddeligen Abrisshäusern, überzogen von Schmieröl und Moder, in Dampf und Rauch getaucht – ein städtischer Moloch zwischen Dickens'scher Armutspatina und modernem Graphic-Novel-Style.

Und erst die Helden, die sich darin bewegen: Als »James Bond im Jahr 1891« hat der Produzent Joel Silver seinen Sherlock Holmes beschrieben, auch ein Hauch von Superman spielt hinein, der in der übermenschlichen Schärfe des Verstandes schon bei Erscheinen des ersten Bandes 1887 angelegt war, gewürzt mit einer Prise Comic-Book-Smartness. Aber vor allem hat dieser Holmes eine sehr physische Präsenz, die ganze Steif- und Verstaubtheit des klassisch britischen Lebensstils hat er abgelegt und dafür einiges an Muskeln zugelegt. Er zeigt viel Haut und wird schnell handgreiflich, und plötzlich entwickelt selbst die viktorianische Garderobe eine ungewohnte Coolness, fast jugendtauglich lässig wirken die Anzüge aus Cord und Tweed, die Schiebermützen und Bowler. Dieser Holmes ist nicht mehr verschnupft und verstaubt, sondern eher melancholisch mit einem Hang zur Depression, ein Dandy mit einem Hauch von Oscar Wilde.

Mit dem von Jude Law gespielten Watson liefert Holmes sich geradezu funkenschlagende Screwballduelle, und wie bei Walter Matthaus und Jack Lemmons »Odd Couple« ist das unablässige Gezänk und Genecke der beiden das sicherste Zeichen ihrer innigen Zuneigung. Dabei überträgt sich das diebische Vergnügen, das die beiden dabei haben, ganz direkt auf den Zuschauer. Offensichtlich hat es Guy Ritchie gut getan, sich aus dem erdrückenden Schatten seiner Ex Madonna zu lösen. Nach den Jungenspielchen seiner früheren Filme hat er jetzt ein echtes Meisterstück hingelegt, bei dem es vor allem um die Einführung der neuen Marke geht. Der Mordfall selbst, ein wilder Mix aus schwarzer Magie und handfesten Weltmachtansprüchen, mit einem düsteren Grafen und spektakulären Verfolgungsjagden, Explosionen und Schlägereien sowie einer von Rachel McAdams eingebrachten weiblichen Intrige, wird dabei fast zur Nebensache. Nachdem Schauplatz und Charaktere, Tonfall und Lebensstil nun erfolgreich etabliert sind, dürfte es im sicher kommenden Sequel dann in stärkerem Maße um die Finesse des Falls gehen.

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