Kritik zu Schönheit und Vergänglichkeit

© Real Fiction Filmverleih

2019
Original-Titel: 
Schönheit und Vergänglichkeit
Filmstart in Deutschland: 
05.12.2019
L: 
79 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Annekatrin Hendel zu Gast bei Freunden: Die Regisseurin spricht mit Sven Marquardt, Robert Paris und Dominique Hollenstein über einstige wilde Zeiten im Prenzlauer Berg

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Schönheit und Vergänglichkeit, die Schlüssel zum Lebensgefühl der Vanitas, die im Barock die Malerei und Philosophie inspirierten, waren jüngst irgendwann das Thema einer Jahresausstellung der Berliner Fotoschule Ostkreuz. Sven Marquardt, einst eine Ikone der Ostberliner Vorwende-Bohème und aktuell als Türsteher des Technoclubs Berghain prominent, arbeitet offenbar als Dozent mit dem fotografischen Nachwuchs. Genaueres über das Wo und Wann der Bilderschau erfährt man in Annekatrin Hendels Porträtfilm gleichen Titels jedoch nicht.

Die Regisseurin hat anderes im Sinn. Biografische Daten, zum Beispiel über den Werdegang der fotografischen Ausbildung von Sven Marquardt und ihrem zweiten Protagonisten Robert Paris, gar eine zeithistorische Verortung der Punk- und Modesubkultur der späten DDR zwischen Parteistaat und Kunstszene fehlen. Distanz zu ihren Gesprächspartnern scheint nicht Teil der Abmachung zwischen ihr, Sven Marquardt, Robert Paris und Dominique Hollenstein, genannt Dome, der Freundin und Muse in der guten alten Zeit ihrer Ostberliner Blase, gewesen zu sein.

So empfiehlt es sich, Wikipedia-Spuren des Trios aus Annekatrin Hendels Beitrag zum 30. Jubeljahr der friedlichen Revolution zurate zu ziehen, wenn man auf die Kontexte der auratischen Schwarz-Weiß-Fotografien neugierig ist, die in »Schönheit und Vergänglichkeit« eingeblendet sind. Hendels selten hörbare Fragetechnik und ihr Montagekonzept ziehen die Aneinanderreihung von Momentaufnahmen vor, ihr Film soll einen mitnehmen in die Intimität der privaten, gemeinsamen Erfahrung ihrer Jugend in Ostberlin. Es wird hemmungslos berlinert, so dass Grundkenntnisse im Prenzelberg-Jargon vergangener Zeiten vonnöten sind.

Die Jetztzeit zählt, die aktuelle Selbstinszenierung der drei vor Thomas Plenerts beweglichem Kameraauge: Sven Marquardt, mit seinen Piercings und mäandernden Ganzkörpertätowierungen eine international bekannte Marke der Selbstoptimierung, plaudert tänzelnd auf kumpelige Art von seiner Arbeitsweise und Weltsicht. Man sieht ihn mit Dome, der anmutigen Blondine in rauschendem Weiß, bei einem Fotoshooting im ikonischen Ambiente alter Berliner Fabrikgemäuer, bei dem in vertraulicher Abstimmung eine Bilderserie voll zarter erotischer Romantik entsteht.

Den fotoästhetischen Counterpart in Annekatrin Hendels nostalgischer Beschwörung der einstigen Ostberliner Freundesclique stellen die grandiosen Stadtfotografien von Robert Paris dar. Wie in Helga Reidemeisters fast vergessenem Film »Lichter aus dem Hintergrund« erfährt man auch in Schönheit und Vergänglichkeit von seiner Leidenschaft, die Geschichtlichkeit des vernachlässigten und heruntergekommenen Stadtbildes seiner Jugend festzuhalten. Der Kontrast zwischen den in Fotos und Filmausschnitten eingeblendeten Bildern der rauschhaft grenzüberschreitenden Partybilder von einst und Robert Paris statuarischen Zeitdokumenten, die entfernt an Bernd und Hilla Bechers grandiose Industrieruinen erinnern, macht den Reiz des Dokumentarfilms aus.

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