Kritik zu Schande

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Der australische Schauspieler und Regisseur Steve Jacobs verfilmte den mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman von J.M. Coetzee mit John Malkovich und bekam dafür auf dem Festival in Toronto letztes Jahr den Kritikerpreis

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Jede Bewegung, jeder Blick, jede Geste sind Ausdruck von bleierner Resignation und lähmender Langeweile: In dieser Attitüde eines Mannes, der schon alles gesehen und alles erlebt hat, gleichen sich die Helden von Philip Roths »Das sterbende Tier« und von J. M. Coetzees »Schande«. Beide sind alternde Literaturprofessoren, die eine Affäre mit einer gemischtrassigen Studentin anfangen, doch wo Roth in Amerika an universellen Fragen über das Wesen der Liebe, das Altern und den Tod rührt, da dringt der Literaturnobelpreisträger Coetzee tief in die Geschichte Südafrikas vor, wo die Apartheid auch nach ihrer offiziellen Abschaffung noch eine zersetzende Kraft entfaltet. Wenn er von gewaltsamem Sex erzählt, dann schwingt in der am konkreten Leib erfahrenen Schande immer auch die kollektive Kolonialschuld mit, das Wechselbad aus erdrückender Scham und impertinenter Arroganz bei den Weißen und die schwelende Wut der Schwarzen.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als David Luries Blick in einer seiner Vorlesungen auf eine schöne Studentin fällt. Doch wo Ben Kingsley in »Elegy« noch die erlesene Kunst von Flirt und Verführung zelebrierte, hat das Werben um die Gunst der jungen Frau hier von Anfang an einen unangenehmen Nachhall. Als David Lurie verströmt John Malkovich eine Mischung aus selbstgefälliger Unnahbarkeit, arroganter Herablassung und massiger Körperlichkeit, an der er im Laufe der Jahre stetig gefeilt hat, von dem berechnenden Verführer in »Gefährliche Liebschaften« über den psychopathischen Killer in »In the Line of Fire«, bis zu dem geschassten CIA-Agenten in »Burn after Reading«. Als Lurie sich vor dem Universitätsausschuss verantworten muss, gesteht er unverhohlen seine Schuld, verweigert zugleich aber jede Reue. In der Tat lässt seine Teilnahmslosigkeit vermuten, dass er seinen Rauswurf bewusst provoziert hat, um dem lähmenden ennui seines Lebens zu entkommen. Solcherart geächtet fährt er Richtung Osten aufs Land, wo seine lesbische Tochter nach der Trennung von ihrer Freundin allein eine kleine Farm unterhält. Seine schlimmsten Befürchtungen erfüllen sich, als die beiden eines Tages von drei jugendlichen Schwarzen brutal überfallen, vergewaltigt und ausgeraubt werden. Während er auf Rache sinnt, ist sie um des fragilen Friedens willen entschlossen, zur Tagesordnung überzugehen. Als sich dann herausstellt, dass einer der Täter mit ihrem schwarzen Vormann verwandt ist, brechen mit den oberflächlich vernarbten Wunden auch die Unstimmigkeiten zwischen Vater und Tochter erneut auf, zwischen zwei verschiedenen Arten, mit den Folgen des Rassismus umzugehen.

In ihrer Verfilmung gelingt es dem australischen Regisseur Steve Jacobs und seiner Drehbuchautorin, sich vom erdrückenden Gewicht des geschriebenen Worts zu befreien, indem sie stark auf die visuelle Kraft und die karge Schönheit des Landes setzen und auf eine Riege großartiger Schauspieler, zu denen neben John Malkovich vor allem Jessica Haines zählt, die die ebenso zähe wie verletzliche Tochter so nuanciert und vielschichtig spielt, dass man kaum glauben mag, dass sie hier ihr Kinodebüt gibt.

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