Kritik zu Schachnovelle

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Stefan Zweigs Prosatext wurde schon einmal verfilmt und zählt immer noch zu den Schullektüren. Philipp Stölzl, der zuletzt mit dem Musical »Ich war noch niemals in New York« einen Erfolg landete, empfindet die beklemmende Stimmung der Vorlage nach, setzt sich in vielen Details aber auch deutlich ab

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Immer wieder flackert eine alte Glühbirne in diesem Film, ein Symbol des Diffusen, des Provisorischen, wenn Nacht und Tag eins werden. Und wir Zuschauer:innen kennen die flackernde Glühbirne aus Filmen, in denen es um Haft und Folter geht. 

Damit setzt Regisseur Philipp Stölzl in seiner Neuadaption von Stefan Zweigs »Schachnovelle« den Ton. Denn schon ein paar Stunden vor dem von den Nazis so genannten Anschluss Österreichs im Jahr 1938 hat die Gestapo im Verbund mit heimischen Nazischergen den Anwalt und Notar Dr. Bartok (Oliver Masucci) verhaftet, weil sie sich die von ihm verwalteten Schweizer Nummernkonten unter den Nagel reißen will. Bartok war gerade dabei, die Codes für die Konten auswendig zu lernen, bevor er sie zu vernichten versuchte. Was ihm allerdings nur teilweise gelang. Warnungen eines Freundes hatte er anfänglich in den Wind geschlagen, als er einen Ball mit seiner Frau (Birgit Minichmayr) besuchte. 

Bartok wird ins Hotel Métropole in Wien verbracht, damals das Gestapohauptquartier der Stadt. Aus den Gängen klingen Foltergeräusche, doch Bartok bekommt eine Sonderbehandlung: er wird Monate in einem Zimmer verbringen, bis er die Codes freigibt, ohne Uhr, ohne Bücher, ohne Beschäftigung, ohne geistige Nahrung. Und verhört wird er von dem sinistren, doch durchaus freundlich wirkenden Gestapochef Böhm (Albrecht Schuch). 

Die Darstellung dieser sensorischen Deprivation ist das Kernstück und auch der Kniff von Stölzls Herangehensweise – und eine Tour de Force für den Schauspieler Oliver Masucci, in dessen Gesicht sich die Veränderungen der Tage spiegeln, die doch im Einerlei vergehen. Einmal, als im Hotel Bücher abtransportiert werden, gelingt es Bartok, ein Buch zu stehlen, in dem Schachpartien nachgezeichnet werden. Und Bartok formt aus Brotkrümeln Schachfiguren, die er im Bad versteckt, zeichnet auf den Kacheln ein Spielfeld und steigert sich in einen manischen Zustand hinein. Einmal offenbart er Böhm Codes, aber es sind die Züge eines Schachspiels. 

Damit bewegt sich Stölzls Film übrigens ziemlich genau in der Stimmung der zweigschen Novelle (die allerdings distanzierter erzählt), in der von einem »Spielzwang« und einer »Schachvergiftung« die Rede ist. Immer mehr verschwimmen nicht nur bei Bartok, sondern auch bei uns Zuschauer:innen die Grenzen von Wahn und Wirklichkeit. Stölzl verschränkt die von Zweig übernommene Rahmenhandlung, in der Bartok auf einem Dampfer (bei dem etwas mehr Aufwand für die digitalen Tricks wünschenswert gewesen wäre) mit einem Schachweltmeister spielt, mit den Sequenzen des Inhaftierten. Aber was bei Zweig noch unumstößlich ist, wird bei Stölzl infrage gestellt. Auf einmal ist Bartoks Frau verschwunden. Gab es sie wirklich? Oder ist das alles nur eine Projektion, eine Utopie in seiner Vorstellung? 

Stölzl malt Bartoks »monomanische Besessenheit«, so heißt es bei Zweig, durchaus mit dickem Strich, mitunter hat man den Eindruck, der Film suhlt sich etwas darin. Schon einmal ist Zweigs »Schachnovelle« – sein letztes Werk, das Manuskript gab er einen Tag vor seinem Selbstmord in Brasilien zur Post – verfilmt worden, 1960 mit Curd Jürgens und Hansjörg Felmy, unter der Regie von Gerd Oswald, einem aus dem Exil heimgekehrten Regisseur. Damals gab Felmy, der sonst eher die Aufrechten spielte, den Verhörenden, einen SS-Mann, eiskalt und berechnend. Eine dezidierte Nazifigur als Antagonisten gibt es übrigens bei Zweig nicht, da ist, aber eher peripher, von einem »Untersuchungsrichter« die Rede. Auf das Katz-und-Maus-Spiel von damals verzichtet Stölzl. Albrecht Schuch gibt seinen Gestapomann mit der Fassade eines durchaus kultivierten Weltmannes, der schwer einzuschätzen ist – und vielleicht Gewalt nur vordergründig ablehnt. Aber auch das belässt der Film im Vagen.

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