Kritik zu Sarahs Schlüssel

© Camino

Nach »Die Kinder von Paris« beschäftigt sich nun ein zweites französisches Melodram mit einem Kinderschicksal während der »Rafle du Vél' d'Hiv«, in der 1942 13.000 Pariser Juden deportiert wurden

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Im besetzten Paris nahm die französische Polizei in einer Razzia im Morgengrauen des 16. Juli 1942 13.000 Juden fest. In der so genannten »Rafle du Vél' d'Hiv« wurden Familien tagelang im Radsportstadion Vélodrome d'Hiver eingepfercht, bevor sie in Transitlager südlich von Paris und von dort in die KZ's verschleppt wurden. Von 4.000 Kindern überlebte nur eine Handvoll. Rose Boschs »Die Kinder von Paris« (2010) schilderte dieses verdrängte Shoah-Kapitel abwechselnd aus der Sicht eines überlebenden Jungen und der übereifrigen Helfer Hitlers in der Vichy-Regierung. »Sarahs Schlüssel« will nun Streiflichter auf das Verhalten der »kleinen Leute« beim Abtransport ihrer jüdischen Nachbarn werfen. Das Drama ist als chronologisches Wechselspiel zwischen dem Schicksal der aufgeweckten 10-jährigen Sarah 1942 und einer amerikanischen Journalistin im heutigen Paris, die mit der Aufdeckung von Sarahs Tragödie eine private Kehrtwende durchmacht, strukturiert.

Julia, die an einem Artikel über »la rafle« schreibt, wird durch ein Datum dazu gebracht, das Thema persönlich zu nehmen. Ihr französischer Mann will in die von seinen Eltern geerbte Wohnung im Stadtviertel Marais einziehen. Im Juli 1942 hatten die Großeltern die Wohnung gekauft, »sie war ganz plötzlich frei geworden«, sagt die nette Schwiegeroma unbestimmt, als Julia nachhakt. Schnell findet Julia heraus, dass eine vierköpfige jüdische Familie darin gelebt hat, die deportiert wurde. Doch in der damaligen Liste der Pariser Polizei stehen nur drei Namen.

Die Romanverfilmung wirkt wie gebacken für die Wahlfranzösin Kristin Scott Thomas. Für ihr letztes weepie »So viele Jahre liebe ich dich«, in dem es ebenfalls um ein Kind und eine unerträgliche Schuld geht, bekam sie den europäischen Filmpreis. Das Herzstück des Films – Sarahs Wettlauf gegen die Zeit, um ihren kleinen Bruder zu retten – erinnert gar an Scott Thomas' Part in Der englische Patient. Die aparte Britin, die mit schlafwandlerischer Trittsicherheit alle sentimentalen Klippen meistert, läuft erneut zu großer Form auf.

Regisseur Gilles Paquet-Brenner entschlackt den Film jedoch zu gründlich von jenen trivialen Romanstellen, in denen sich Julias Mission, das Schicksal Sarahs herauszufinden, mit ihrer vom Ehemann unerwünschten Schwangerschaft vermischt. Denn damit übergeht er bald das eigentlich brennende Thema: die Reaktionen ihrer angeheirateten Familie auf ihre Recherchen. Eindringlich ist das Geschehen nämlich nur, wenn die Grauzonen menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet werden. Da gibt es neben Kollaborateuren vor allem solche, die auf unterschiedlichste Arten die Augen zudrücken, in der direkten Konfrontation mit den Opfern jedoch menschlich reagieren. Zwar widersteht die zurückhaltende Inszenierung der Versuchung, das metaphernreiche Leiche-im-Keller- Motiv als Mysterydrama zu trivialisieren. Doch das Ergebnis ist mit all seinem Unterstatement zu handzahm, um mehr als ein geschmackvolles Kristin-Scott-Thomas-Vehikel zu sein.

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