Kritik zu Pillion
Harry Lightons Debüt verbindet explizite Körperlichkeit mit feiner Melancholie. Und zeigt Begehren als Motor der Selbstfindung – kompromisslos und zärtlich zugleich.
Am Weihnachtsabend kniet Colin in einer Seitengasse von Bromleys Fußgängerzone. Vor ihm: Ray, Bikerleder, stählerner Blick. Ein Reißverschluss surrt, Befehle fallen leise. »Runter.« »Lecken.« Colin gehorcht, unbeholfen und doch entschlossen. Als Ray ihn fortschickt, lächelt er benommen. Ein Initiationsritus im Neonlicht der Vorstadt – roh, demütigend, elektrisierend.
Harry Lightons Langfilmdebüt »Pillion«, in Cannes in der Reihe »Un Certain Regard« uraufgeführt und ausgezeichnet, verlegt Adam Mars-Jones’ Roman »Box Hill« aus den 1970er Jahren in eine Gegenwart, in der Homosexualität nichts Verruchtes mehr hat. Colins Eltern wissen längst, dass ihr Sohn schwul ist. Mutter Peggy, an Krebs erkrankt, arrangiert Blind Dates; Vater Pete singt mit ihm im Barbershop-Quartett. Colin arbeitet als Parkplatzkontrolleur, lebt noch zu Hause, wirkt wie ein Mann auf dem Rücksitz seines eigenen Lebens.
Der Titel bezeichnet den Soziussitz eines Motorrads. Genau dort landet Colin, nachdem Ray ihn mit einem knappen Zettel zum zweiten Treffen bestellt. Ray ist groß, schweigsam, eine Skulptur aus Leder und Muskeln. Alexander Skarsgård spielt ihn mit minimaler Mimik, gedämpfter Stimme, knappen Sätzen. Er wohnt karg, liest Knausgård, liebt seinen Hund und sein Motorrad. Das Undurchschaubare macht ihn magnetisch.
Colin zieht bei Ray ein – eher wird er aufgenommen wie ein Haustier. Er kocht, putzt, schläft auf dem Teppich am Fußende des Betts. Ray isst auf dem Sofa, streichelt den Hund, erteilt Anweisungen. »Kauf dir einen Buttplug. Du bist zu eng.« Colin antwortet mit einem nervösen »Lovely«. Harry Melling macht aus diesem Wort ein kleines Drama aus Begehren, Scham, Stolz und Angst. Sein Colin ist kein Opfer, sondern neugierig, er prüft seine »Eignung zur Hingabe«. Er rasiert sich den Kopf, trägt eine Halskette mit Vorhängeschloss, lernt die schwule Biker-Community kennen. Bei einem Picknick im Grünen liegen die Subs bäuchlings auf Tischen, bereit für ihre Doms – explizit, aber auch erstaunlich komisch.
Lighton filmt Sex ohne Scheu und ohne Sensationslust. Intimitätskoordiniert, mit nüchterner Kamera, werden Piercings, Wrestling-Outfits und Rituale gezeigt, als Teil einer Erzählung über Macht und Nähe. In den Körpern verhandeln sich Distanz und Sehnsucht. Colin genießt Regeln und Hierarchie, die ritualisierte Demütigung als klare Ordnung. Ray hält Küsse zurück, blockt Liebesbekenntnisse ab. »Darum geht’s hier nicht.« Lighton moralisiert nicht, er beobachtet.
Der Konflikt entsteht, als Colins Bedürfnis nach Zärtlichkeit wächst. Ein Gespräch mit einem anderen Sub (gespielt von Scissor-Sisters-Sänger Jake Shears) öffnet ihm die Augen: Manche Doms küssen. Colin fordert einen freien Tag pro Woche, Frühstück am Tisch, Kino, Motorradfahren ohne Hierarchie. Ray sagt Nein. Später erlaubt er einen Ausflug in die Stadt. In einer zarten Szene greift Colin in Rays Popcorn-Tüte; für Sekunden taut Skarsgårds Gesicht auf. Ein Riss im Panzer.
Parallel wächst der Druck der Eltern. Peggy begegnet Ray mit Skepsis. Das Sonntagessen gerät zur Meisterklasse peinlicher Höflichkeit und unausgesprochener Anklage. Lesley Sharp spielt die Mutter ohne Prüderie, getrieben von Sorge um Glück und Würde ihres Sohnes. Ray verteidigt das Recht auf Unverständliches. »Pillion« hält die Balance aus Humor und Melancholie. Colin wirkt oft wie ein übermütiger Welpe, zugleich gewinnt er Kontur. Seine Submissivität ist seine Wahl, bis er genug hat und Regeln bricht. Da verschiebt sich das Machtgefüge. Der Film streift den Herzschmerz, entscheidet sich jedoch für leise Emanzipation.
Lighton inszeniert das präzise, mit kühlem Winterlicht und zurückhaltendem Klavierscore. Er vertraut seinen Darstellern. Melling trägt den Film mit offenem Gesicht und kontrollierter Verletzlichkeit. Skarsgård spielt den Dom als Mann, der sich selbst in eine Rolle gepresst hat; seine seltenen Momente der Weichheit wirken umso stärker. »Pillion« ist eine Dom-Com: kinky und zärtlich, explizit und empathisch – ein Film über Macht als Spiel und Schutzschild, über Begehren als Motor der Selbstfindung.



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