Kritik zu Pferde stehlen

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Hans Petter Moland verfilmt Per Pettersons Bestseller über einen Mann, der am Ende seines Lebens noch einmal mit seinen Erinnerungen konfrontiert wird

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»Männer in meiner Lage« heißt das jüngste Buch des norwegischen Schriftstellers Per Petterson, und der Titel bezeichnet endlich, worum es ihm schon immer ging. Auch in seinem bereits 2006 erschienenen Roman »Pferde stehlen«, den Hans Petter Moland nun verfilmt hat. Dabei hat er nicht so sehr auf die einzelnen Erzählstränge geachtet, sondern darauf, die große, schwere Frage, die der Roman ganz leichthändig stellt, danach, was ein Leben tatsächlich ausmacht, in ebenso leichte Filmbilder zu überführen.

In »Pferde stehlen« geht es um einen Mann, der sich seiner Lage vielleicht zum ersten Mal bewusst wird, als er mit 67 Jahren in die norwegische Einsamkeit zieht. Eben dorthin, wo er vor 50 Jahren einen wundervollen Sommer mit seinem Vater verbrachte. Trond (Stellan Skarsgård) findet an dem Ort des Rückzugs Zeit für einen Rückblick auf das eigene Leben, auf die Zeit, als er jung war und die Welt des Vaters nicht verstand, die Zeit nach dem Krieg mit der deutschen Besatzung und dem Widerstand dagegen und einer Liebe jenseits der Ehe. Kurz nach diesem letzten gemeinsamen Urlaub wird der Vater die Familie verlassen, um mit der Nachbarsfrau zu leben. Die Reise ist für ihn auch weniger dazu da, Zeit mit dem Sohn zu verbringen, sondern vielmehr dieser Frau nahe zu sein. Die verbotene Liebe bestimmt den gemeinsamen Sommer von Vater und Sohn auf unausgesprochene Weise. Beide ahnen etwas voneinander, doch niemand spricht es aus. Dass die Frau zwei Söhne hat, von denen der eine, Lars, den anderen versehentlich erschießt, ist wie ein leuchtender Faden durch die Handlung gewirkt, und verstärkt die alltägliche Rätselhaftigkeit.

Auch nach 50 Jahren ist der Verlust des Vaters für Trond, nun selbst Vater und kürzlich verwitwet, noch spürbar. In der Innensicht verschwimmen die Bilder und der Schmerz. Die Trauer um die eigene Frau mit der Trauer um den Vater, die Freundschaft zu Lars mit dessen Trauer um den Bruder und die Trauer des ganzen Landes kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Lars und Trond treffen sich nach all den Jahren wieder, aber es fehlen ihnen die Worte, um die Zeit zu überbrücken.

»Pferde stehlen« ist ein Film ohne Hauptrollen. Der junge und der alte Trond stehen sich ebenso gleichberechtigt gegenüber wie Vater und Sohn. Leichthändig wechselt der Film zwischen den Zeiten und blickt dabei ebenso auf seine Protagonisten wie auf die Landschaft, die sie bestimmt. Ob es nun das spielerische Pferdestehlen ist, bei dem Trond und Lars auf den Rücken der Nachbarspferde über die Wiesen galoppieren oder das nicht ungefährliche Holzfällen, zu dem Trond mit seinem Vater aufbricht, die Natur hat eine Kraft, die weder bösartig noch zielgerichtet ist. Wertigkeiten hebt der Film auf und setzt dem eine Intensität in der Betrachtung entgegen, die deutlich macht, wie sehr Erfahrungen prägend sein können.

Anders als das Buch, das die Naturschönheit sprachlich erschaffen muss, hat es der Film hier leicht. In der unberührt wirkenden Natur Norwegens kann sich die Kamera fast ungebunden bewegen und die Bilder sprechen lassen. Es fällt dabei kaum auf, dass »Pferde stehlen« ein wortkarger Film ist, denn die Natur ist keineswegs still. Gekonnt arbeitet Moland mit Tönen und Geräuschen, mit Hinter- und Vordergründen und einem Darsteller, der mit seinem faltigen Gesicht mehr sagen kann als so mancher Dialog. Es genügt, Stellan Skarsgård dabei zu beobachten, wie er in den knirschenden Schnee hinausblickt, den Ruf der Eule vernimmt oder schwerfällig auf das Haus zustapft. Ebenso stark ist Jon Ranes als junger Trond im laut strömenden Regen, zwischen den fallenden Stämmen der Bäume oder im reißenden Fluss. Der Zuschauer weiß, dass im Hintergrund des Idylls immer Gefahr lauert. Ein Kritiker hat einmal über den Roman von Per Petterson geschrieben: »Es ist ein Buch über Enttäuschung, das sich liest wie ein Buch über Glück.« Dasselbe trifft auch auf den Film zu.

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