Kritik zu Paranoid Park

© Peripher Filmverleih

In Cannes mit einem Sonderpreis ausgezeichnet: Gus Van Sants neuer Film schildert in Bildern von hypnotischer Verlorenheit den Kampf eines Teenagers mit einer schrecklichen Schuld.

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Wie in einem Traum gleitet die Kamera mit den Skateboardern durch die Halfpipes, Steilwände hinauf und hinab. Die Zeitlupe scheint die Schwerkraft aufzuheben, von der Tonspur klingen verträumte Sounds und Gewisper. Für die Teenager ist der weitläufige Skaterpark der Ort der Freiheit von allen Zwängen. Hierhin flüchten sie und skaten; hier, im Paranoid Park, sind die wirklich wilden Jungs unterwegs und zeigen ihre Künste, die Freaks, die Ungebundenen und Verlorenen. Aber dafür muss man gut genug sein. Alex sagt zu seinem Kumpel Jared: »Ich bin jetzt bereit.« Doch der entgegnet: »Niemand ist je bereit für den Paranoid Park.«

Wie andere Teenager in der Wirklichkeit und in so vielen Filmen leidet der sensible Alex unter seinem Leben. Seine Eltern haben sich getrennt, sein kleiner Bruder muss sich manchmal buchstäblich erbrechen, wenn der Vater mal wieder da war und die Spannungen unerträglich wurden, und warum Alex mit Jennifer zusammen ist, weiß er auch nicht so genau. Doch Alex leidet außerdem an etwas viel Mächtigerem, von dem er nicht sprechen kann: Er hat einen Menschen auf dem Gewissen. Es war nur eine kleine Mutprobe, auf den Güterzug aufzuspringen und durch die Nacht zu surfen. Bis ein Wachmann ihn sah und ihn herunterprügeln wollte und Alex sich wehrte und den Mann wegstieß.

Später wird über seine Tat in den Fernsehnachrichten berichtet, Alex kann nicht fassen, was er getan hat. Und irgendwann – wann genau, ist schwer zu sagen, denn Gus van Sant erzählt die Ereignisse nicht chronologisch – sitzt Alex mit seiner Schulklasse bei der Polizei, die bereits eine Spur verfolgt, und muss sich Fotos des Opfers ansehen: eine Leiche, die buchstäblich in zwei Teile geschnitten ist – der Wachmann war vor einen heranrollenden Zug gestürzt. Der Anblick wirft Alex wieder ganz in die traumatische Situation zurück, doch er muss sein Entsetzen verbergen, vor der Polizei wie vor allen anderen. Die Schwere der Tat hat längst einen Abgrund zwischen ihm und der Welt aufgerissen.

Immer wieder sind die hypnotischen, auf Super 8 gefilmten Skatersequenzen in den Fluss des Films eingestreut und unterstreichen das Fragmentarische der Erzählung, das wiederum die Verlorenheit des Protagonisten widerspiegelt. Und wie die Skater auf ihren Fahrten durch den Paranoid Park manövriert der Film zwischen traumverlorenen, die Zeit aufhebenden und handlungstragenden Sequenzen, die nüchtern und hart schildern, wie die Schuld für Alex zum Gefängnis wird.

Bereits in Gus van Sants »Elephant« gab es verlorene Jugendliche, traumhafte Zeitlupen und die Katastrophe als einen Endpunkt, auf den alles hinsteuerte. In »Paranoid Park« ist die Katastrophe der Ausgangspunkt. Und der Stil des Films geht ein mutiges Stück weiter in Richtung Experiment.

In seiner konsequenten Fragmentarisierung erinnert »Paranoid Park« bisweilen gar an Bruce McDonalds Teenage-Poem »The Tracey Fragments«, auch wenn van Sant keinen Splitscreen einsetzt. Es ist ein Spiel mit disparaten Elementen: In der Fotografie von Christopher Doyle, Lieblingskameramann Wong Kar-wais, wechseln grobkörnige Super-8-Bilder mit ziselierten 35-mm-Bildern, die Musik reicht von flächigen Klanglandschaften über Punk bis zu Klassik. Der Film taucht ganz in die Innenwelt seines Protagonisten ein, in seine Orientierungslosigkeit und seinen Weltverlust. Es gibt Momente, da scheint sich Gus Van Sant einer kunstsinnigen Beliebigkeit hinzugeben – und dann vermag er wieder ungemein zu fesseln. Etwa in der so einfachen wie eindrucksvollen Szene, in der Alex nach seiner Tat duscht. Die »Reinwaschung« wird durch die Tonspur zu einer Horrorszene: Das Prasseln des Wassers auf Haut und Haar verwandelt sich mehr und mehr in ein Geräusch wie von ätzenden Flüssigkeiten, und ein unheilvolles Vogelkreischen mischt sich hinein.

Die Hingabe an Atmosphären und die offene Konstruktion des Films sind bisweilen anstrengend, fordern Geduld und die Bereitschaft, sich auf weite Räume der Wortlosigkeit einzulassen. Doch gerade diese Offenheit, die alles Vorgedachte und alles Sentimentale abweist, ist im besten Sinne verstörend – ein Trip in den Paranoid Park einer beschädigten Jugend. Voller Angst, doch mit der Ahnung unerhörter Freiheit.

Stream (arte bis 31.8.20)

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