Kritik zu Out in Ost-Berlin

© Deja-Vu Filmverleih

2013
Original-Titel: 
Out in Ost-Berlin
Filmstart in Deutschland: 
31.10.2013
L: 
93 Min
FSK: 
12

Anknüpfend an ihre TV-Dokumentation "DDR unterm Regenbogen" von 2011 präsentieren Jochen Hick und Andreas Strohfeldt nun ihre Kinoversion: Fünf Lesben und Schwule erinnern sich an ihr Leben in der DDR

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Homosexualität hinter dem Eisernen Vorhang ist kein neues Thema. Zuletzt befasste sich Ringo Röseners und Markus Steins Dokumentarfilm Unter Männern – schwul in der DDR (2012) mit der sexuellen Orientierung im Arbeiter- und Bauernstaat. Die Geschichte der »Verzauberten« ist damit nicht zu Ende erzählt. Im Dokumentarfilm von Jochen Hick und Andreas Strohfeldt erinnern sich fünf Lesben und Schwule an ihr Leben im Spannungsfeld zwischen herrschender Sexualmoral und Selbstbestimmung. Jede dieser Geschichten ist auf ihre Art berührend. Dies jedoch nicht, weil Homophobie im totalitären Staat schlimmer gewesen wäre als im Westen. 
 
Tatsächlich wurde die Strafverfolgung Homosexueller in der DDR 1968 – ein Jahr früher als in der BRD – eingeschränkt. Offiziell dulden mochte die DDR Lesben und Schwule aber nicht. Sie widersprachen der Moral der sozialistischen Familienpolitik und wurden, wie Aktenberge belegen, von »Stasi-Romeos« bis ins Bett hinein bespitzelt. Offiziell wurde die Existenz von Menschen anderer sexueller Orientierung totgeschwiegen: »Das Einzige, was ich über Homosexuelle weiß, ist, dass sie gut gekleidet und höflich zu Frauen sind«, erklärt Jürgen Liftin, der als einziger Hetero zu Wort kommt. Sein Bruder Günter wurde am 24. August 1961 als erstes Maueropfer von Grenzsoldaten erschossen und anschließend in den Medien als Schwuler diffamiert.
 
Der vielstimmige Film macht die Atmosphäre in der seelischen Diaspora nachvollziehbar. Hick und Strohfeldt schauen in den Mikrokosmos hinein, in dem Lesben und Schwule ihren Neigungen nachgehen konnten. Der 1942 in Berlin geborene Puppenspieler Peter Bausdorf, seit 48 Jahren mit demselben Partner zusammen, zeigt Fotos privater Festivitäten. Zu sehen ist ein Mann in Frauenkleidern, dessen Handtäschchen ein Bild von Erich Honecker ziert. Diese Ästhetik wird humorvoll lesbar gemacht durch eingeblendete Wochenschaufilme, in denen Honecker und Breschnew sich den sozialistischen Bruderkuss geben. 
Unterhaltsame Detailbetrachtungen werden mit einem politischen Kontext verklammert. Der Transgender-Aktivist Peter Tatchell erinnert sich gut daran, dass er 1973 während der Weltfestspiele der Jugend in Ostberlin ein Transparent entrollte und daraufhin von britischen Kommunisten verprügelt wurde, die zum Demonstrieren angereist waren: »Die große Mehrheit der internationalen Linken meinte, dass Homosexualität eine bürgerliche Perversion sei.« Verzauberte waren weder im Westen noch im Osten willkommen, auch die Kirche tat sich schwer. Ein Leben lang, so der 1944 geborene Theologe Christian Pulz, habe es gedauert, um von dem von der Kirche implantierten Schuldgefühl loszukommen – und trotzdem Christ zu bleiben. Dramen dieser Art verweben Hick und Strohfeldt mit subtilem Witz. Dank Matthias Köningers und Stefan Kuschners angenehmer Musik verschmelzen die schwulen Porträts zum kurzweiligen Blick aufs andere Ufer.

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