Kritik zu Ondine

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Neil Jordan ist in den letzten Jahren ziemlich unberechenbar geworden. Auf das Female-Revenge-Movie »Die Fremde in Dir« lässt er jetzt eine auf alten Sagen basierende Romanze zwischen Colin Farrell und einer Meerjungfrau folgen

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Eines trüben Tages wird für Syracuse (Colin Farrell) eine jahrhundertealte Fantasie des Fischereigewerbes Wirklichkeit. Als er vor der malerischen Küste Südirlands sein Schleppnetz aus dem Wasser kurbelt, befindet sich darin statt glitschigen Meeresgetiers eine wunderschöne junge Frau (Alicja Bachleda). »Du kannst mich Ondine nennen«, sagt sie. Und sie behauptet, ihr Gedächtnis verloren zu haben. Da die Gerettete nicht ins Krankenhaus gebracht werden und auch sonst niemanden sehen will, bringt sie Syracuse in das verlassene Haus seiner verstorbenen Mutter, das einsam in einer abgelegenen Bucht auf eine solch mystische Bewohnerin zu warten scheint. Dass die Frau nicht von dieser Welt ist, da ist sich Syracuses Tochter Annie (Alison Barry) ganz sicher. Sie muss ein »Selkie« sein – eine Robbe, die, wie es die schottische und irische Mythologie erzählt, ihr Fell verloren hat und sieben Jahre als Mensch übers Land irren muss.

In Annies Leben ist ein leibhaftiges Märchen eine willkommene Abwechslung. Ihre Nieren arbeiten nicht mehr, die meiste Zeit verbringt das aufgeweckte Mädchen im Rollstuhl. Die Elfjährige lebt bei ihrer alkoholsüchtigen Mutter, die Syracuse rausgeworfen hat, als er vor zwei Jahren mit dem Saufen aufhörte. Redlich, aber mit mäßigem Erfolg hat Syracuse seitdem versucht, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Die geheimnisvolle Frau aus dem Meer wirkt im Dasein des glücklosen Seemanns wie ein wundersamer Katalysator. Wenn sie auf die offene See hinaussingt, kommen Lachse und Hummer scharenweise in die Netze. Und natürlich regt das maritime Wesen, das immer wieder mit glitschnasser Trikotage aus dem Wasser gleitet, auch das Nachdenken über amouröse Lebensalternativen an. Aber weil die Wirklichkeit kein Märchen ist und auch die Frau ohne Gedächtnis eine dunkle Vergangenheit hat, verkomplizieren sich die Dinge bald.

Als der Drehbuchautorenstreik in Hollywood ein Projekt lahmlegte, schrieb Neil Jordan (»The Crying Game«) in seinem südirischen Landhaus das Drehbuch zu »Ondine«. Keine Location sollte weiter als fünf Meilen von dem Haus entfernt sein, und diese heimatkundliche Erdung sieht man dem Film auch deutlich an. Einerseits strahlen die Aufnahmen der pittoresken Küstenlandschaft und des dörflichen Milieus eine starke Geborgenheit aus, auf der anderen Seite verschiebt Kameramann Christopher Doyle das scheinbar Vertraute ganz sachte in mystische Grenzregionen. Doyle, der etwa den Filmen von Wong Kar-wai ihre visuelle Brillanz verliehen hat, schafft hier durch seine subtile Farbgestaltung und mit Aufnahmen, die vom Element Wasser durchdrungen sind, eine Atmosphäre, in der das Wunderliche eine mögliche Wirklichkeitsform wird. Anders etwa als in den Werken des Kinomystikers M. Night Shyamalan bleibt Jordans Exkursion jedoch fest in der Realität verankert. »Ondine« erzählt von der Sehnsucht nach dem Märchen im eigenen Leben, und der Film tut dies mit der Figur der Meeresfrau in sexualisierter und hemmungslos romantischer Form. Fehl am Platz wirken hingegen die ungelenken Genreversatzstücke: Verfolgungsjagden, Gangstervisagen und Showdown-Dramaturgie holen die Geschichte wieder ins allzu Irdische zurück.

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