Kritik zu Nilas Traum im Garten Eden

© Little Dream Pictures

2023
Original-Titel: 
Nilas Traum im Garten Eden
Filmstart in Deutschland: 
11.04.2024
L: 
98 Min
FSK: 
Ohne Angabe

In ihrem Dokumentarfilm zeigt die im Iran geborene und in Deutschland lebende Regisseurin Niloufar Taghizadeh den Kampf einer alleinerziehenden Mutter gegen den unmenschlichen patriarchalen Apparat im Iran

Bewertung: 4
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Man möchte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ein Prediger in Niloufar Taghizadehs Dokumentarfilm »Nilas Traum im Garten Eden« mit Kreide vor einer Tafel stehend erklärt, dass männliche Augen von Frauen in zu offener Kleidung verführt würden, dass Letztere damit das Herz der Männer stehlen, sie ablenkten. Diese Szene, in der die Realität ein Stück weit ins Absurde kippt, ist nur die Spitze eines patriarchalen Eisbergs.

Nach »Sieben Winter in Teheran«, in dem Steffi Niederzoll den Fall der im Iran zum Tod verurteilten Studentin Reyhaneh Jabbari rekonstruierte, die in Notwehr einen Mann tötete, ist »Nilas Traum im Garten Eden« der zweite Film der Reihe »Woman Life Freedom« des Verleihs Little Dream Pictures. Die im iranischen Mashhad geborene und aufgewachsene, in Deutschland ausgebildete und lebende Regisseurin Niloufar Taghizadeh erzählt am Beispiel ihrer ehemaligen Mitschülerin Leyla Biouk und deren sechsjähriger Tochter Nila davon, wie die islamistischen Gesetze im Zusammenwirken mit großen Teilen der iranischen Gesellschaft Frauen unterdrücken.

Nila wurde während einer »Sigheh«, einer temporären Ehe, gezeugt. Da das unverheiratete Zusammenleben im Iran verboten ist, können Paare für nur wenige Minuten verheiratet sein – eine Möglichkeit, die vor allem von Männern, auch verheirateten, ausgenutzt wird. Es gebe sogar Gotteshäuser, die für die Zeitehen oder für Prostitution genutzt würden, den Preis dieser Freiräume zahlten meist die Frauen, so die Regisseurin im Regiekommentar zum Film.

Letzteres bekommt Leyla knallhart zu spüren: Weil der Vater die Tochter nicht anerkennt, existiert Nila rechtlich nicht, weshalb ihr keine Geburtsurkunde ausgestellt werden kann und sie keine Schule besuchen darf. Es ist ein Kampf um die Zukunft der Tochter gegen bürokratische Windmühlen, den der Film zeigt. Leyla wird an den meisten Stellen des bürokratischen Apparats, über die sie versucht, an die Geburtsurkunde und an einen Sorgerechtsbrief zu gelangen, mit einer gnadenlosen Vorverurteilung konfrontiert.

Als Hintergrundrauschen begleiten Anrufe des Vaters den Film, der Leyla aufs Schlimmste beschimpft und ihr droht, ihr Nila wegzunehmen – was ihm, unglaublich, aber wahr, rechtlich zusteht, sobald sie sieben Jahre alt wird. Der Hass und der Machismo, dem die Frauen ausgesetzt sind, machen fassungslos. Ihr eigener verstorbener Vater, den sie sehr liebte, erzählt Leyla, habe ihr einmal gesagt, dass man Mädchen wie ihr Säure ins Gesicht kippen sollte.

Große Teile des in der heiligen Stadt Mashhad gedrehten Films mussten heimlich entstehen. Herausgekommen ist ein augenöffnender Film und das intime, auch humorvolle Porträt einer liebevollen Mutter-Tochter-Beziehung. Dass »Nilas Traum im Garten Eden« aller psychischen Brutalität zum Trotz nicht in der Dunkelheit versinkt, ist ein humanistisches, lebensbejahendes Statement für ausgestoßene iranische ­Frauen und ­Kinder und gegen den patriarchalen Terror.

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