Kritik zu The Nest – Alles zu haben ist nie genug

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In seinem lang erwarteten zweiten Film erzählt Sean Durkin (»Martha Marcy May Marlene«) vom Scheitern und den gespenstischen Beharrungskräften der Lebenslügen

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Eine Familie mit zwei Kindern zieht um. Das neue Domizil ist ein großzügiges englisches Landhaus mit abweisender steinerner Fassade außen und vielen, dunklen großen Räumen im Innern, die alle so aussehen, als wären sie nur schwer warm zu kriegen. Familienvater Rory (Jude Law) hat eines Tages ziemlich aus dem Blauen beschlossen, seine Frau Allison (Carrie Coon) und die zwei Kinder Samantha (Oona Roche) und Ben (Charlie Shotwell) aus den USA zurück in seine alte Heimat zu verpflanzen. Sein alter Chef in London, bei dem er einst die erfolgreiche Trader-Karrriere begann, wolle ihn zurückhaben, hatte Rory seiner erstaunlich wenig verblüfften Frau eines Morgens eröffnet. Es ist nicht der erste Umzug in den zehn Jahren, in denen sie zusammen sind.

Das neue Haus erscheint in seiner verfallen-romantischen Abgelegenheit wie das klassische Setting für eine Spukgeschichte, bei der in der Horrorversion die Familie nach und nach den paranormalen Kräften zum Opfer fällt, oder, in der Mystery-Variante, einem Geist dabei geholfen wird, zur Ruhe zu finden.

In »The Nest« aber wartet man vergeblich auf das Auftauchen der Geister. Und doch scheinen sie sich die ganze Zeit anzukündigen – da gibt es ein Pferd, das immer nervöser wird, die Teenagertochter, die ihre Eltern mehr und mehr anfeindet, und den Sohn, der sich zunehmend in seiner Jungswelt einschließt. Und natürlich die kriselnde Ehe von Allison und Rory. An einer Stelle – Allison kommt nach Hause und dreht auf der Suche nach ihren Kindern eine Runde durch die spärlich möblierten, wie überdimensionierten Räume – öffnet sich auch mal eine Tür wie von alleine. Aber Allisons Reaktion steht quasi stellvertretend für den ganzen Film: Sie ist irritiert, aber nicht verängstigt, nervlich angespannt, aber nicht terrorisiert, weiß sie doch ganz genau, dass die Erklärung nur in der eigenen Familie zu finden sein kann.

Fast zehn Jahre ist es her, dass der kanadische Regisseur Sean Durkin durch sein Spielfilmdebüt »Martha Marcy May Marlene« bekannt wurde. Darin schon unterlief er auf eigensinnige Weise die Erwartungen. Die Geschichte einer jungen Frau, die nach Jahren ihrer Sekte davonläuft und Unterschlupf bei der Schwester sucht, bestach durch suggestive Offenheit. Was ihr wirklich angetan wurde, welche Traumata an ihr zehrten, und was ihre wahren Gefühle gegenüber der Schwester waren, das alles blieb faszinierend unbestimmt und vieldeutig.

Die Krise, in der Rory und Allison sich befinden, beziehungsweise hineingeraten, glaubt man dagegen fast zu gut zu kennen: Rory ist der klassische Aufschneider, ein Mann der großen Geste, für den das »Bella Figura«-Machen so zur zweiten Natur geworden ist, dass er selbst in den raren Momenten der Ehrlichkeit nicht mehr authentisch wirkt. Und Allison ist die Frau, die längst erkannt hat, dass sie sich hat blenden lassen von ihm, aber zu stolz ist, das vor sich selbst zuzugeben.

Durkins große Stärke besteht darin, das Vertraute in den Konflikten seiner Helden herauszustellen – ohne sie mit künstlicher Filmdramatik aufzupäppeln. Als Zuschauer bleibt man in der Beobachterhaltung: Man sieht, wie Rory sich mehr und mehr in seinem eigenen Netz aus Lebenslügen verheddert, wobei es Jude Law gelingt, seine Figur so punktgenau zwischen verachtenswert-eitel und verständlich-verletztlich zu halten, dass er einem nie völlig unsympathisch wird. Und Carrie Coon verleiht ihrer Allison wiederum so viel Intelligenz und Klarheit, dass man ihr fast übelnimmt, dass sie sich von diesem Mann so abhängig macht. 

Das Wesentliche des Films spielt sich unter der Oberfläche ab. Die Tatsache, dass die Handlung in den 80er Jahren angesiedelt ist, der Epoche vor Smartphone und Internet, macht das im Übrigen leichter: Jude Law, der im Zug sitzt und einfach aus dem Fenster schaut – die Szene ist auf eine Weise beredt, die kein Dialog ersetzen könnte.

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