Kritik zu Naked Opera

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Ein Leben auf den Spuren des»Don Giovanni«: Angela Christlieb folgt dem Mozart-Aficionado und Selbstinszenator Marc Rollinger auf seinen Reisen von Aufführung zu Aufführung

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Es ist ein steter Kampf, den die Filmemacherin Angela Christlieb und ihr Protagonist Marc Rollinger miteinander führen. Ein Kampf um jedes einzelne Bild: Gleich in der ersten Szene gibt Rollinger Christliebs Kameramann Jerzy Palacz Anweisungen. Er soll die Kamera weiter nach oben richten, so dass Rollingers Gesicht im Zentrum ist. Als schließlich alles seinen Vorstellungen entspricht, nimmt er sein Smartphone heraus und fotografiert die Filmemacher, wie sie ihn filmen.

Marc Rollinger, der von Geburt an einer seltenen und unheilbaren Autoimmunerkrankung leidet, versteht es, Menschen zu faszinieren und in seinen Bann zu schlagen. Mit seiner sarkastischen Art und seiner teils beißenden Selbstironie kann er sich für andere perfekt in Szene setzen. Und wenn die Mischung aus Tragik, Verletzlichkeit und Spott einmal nicht ausreicht, dann bleiben ihm immer noch sein Reichtum und der Luxus, mit dem er sich auf Schritt und Tritt umgibt.

Auf seinen Reisen durch Europa, die auch immer Reisen auf den Spuren von Mozarts»Don Giovanni« sind, ist es sein Geld, das Rollinger Gesellschaft und ein Publikum sichert. Wenn er einmal im Monat seine Heimat Luxemburg verlässt, um sich in irgendeiner europäischen Stadt eine Inszenierung seiner Lieblingsoper anzusehen, dann sucht er sich dort einen Escort-Boy und nimmt ihn mit, in die Oper und in seine Suite in einem der örtlichen Nobelhotels.

Auf drei dieser Reisen hat Angela Christlieb diesen Dandy des 21. Jahrhunderts begleitet. Sie führen ihn und das Team nach Venedig, Wien und Berlin, wo er neben einer Aufführung des »Don Giovanni« auch den »HustlaBall« besucht. Doch anders als sein Begleiter, der schwule Pornostar Jordan Fox, fühlt er sich dort nicht wohl. Auf dieser Party trifft sein durch und durch ästhetisiertes Lebenauf eine Welt, in der all das auf ihn eindringt, was er in seinem kleinen Reich ausblendet oder unter Kunst und Kitsch verdeckt.

Rollingers Unbehagen in dieser Situation ist offensichtlich. Er, der eigentlich nur weg will, aber sich in Fox verliebt hat und deswegen zögert, verliert die Kontrolle, über das eigene Leben wie über den Film. In diesem Augenblick sind die Machtverhältnisse zwischen ihm und der Regisseurin wie auf einen Schlag geklärt. Aber Angela Christlieb hält sich auch angesichts dieser Konstellation zurück. Was nach den ständigen kleinen Reibereien zwischen ihr und Rollinger einem Triumph gleichkommen könnte, ist nichts als ein Moment der Wahrheit, in dem niemand mehr die Kontrolle hat.

Dieses Porträt eines Exzentrikers, der sein Leben inszeniert, als wäre er der Held einer Mozart-Oper, ist zugleich auch das Porträt einer Filmemacherin als ewig Suchender. Mit all seinen selbstreferenziellen Momenten, seinen ästhetischen Spielereien und den leitmotivisch wiederkehrenden Szenen aus Joseph Loseys Don Giovanni-Verfilmung  bewegt sich Christliebs Film an den Grenzen des Dokumentarischen und entdeckt dort Freiräume. Natürlich inszeniert sich Rollinger ständig selbst. Aber genau da kommt ihm Angela Christlieb entgegen. Und kann so grundsätzliche Reflexionen über Genrekonventionen und ihre Wirkung anstoßen.

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