Kritik zu Mr. Morgans letzte Liebe

© Universum Film

2013
Original-Titel: 
Mr. Morgan's Last Love
Filmstart in Deutschland: 
22.08.2013
L: 
116 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Im klassischen Hollywood nannte man so etwas eine Mai-September-Romanze. Sandra Nettelbecks Romanverfilmung lotet das Spektrum großzügiger aus: Dank der blutjungen Clémence Poésy darf Michael Caine das Leben neu schätzen lernen

Bewertung: 3
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Bei Übersetzungen und Verfilmungen machen Literaturkenner meist Verlustrechnungen auf. Gern beklagen sie das Abhandenkommen von Nuancen. Françoise Dorners Roman heißt im Original »La douceur assassine«, womit eine mörderische Süße, Sanftheit oder Seelenruhe gemeint sein kann. Der deutschsprachige Verlag hingegen zog »Die letzte Liebe des Monsieur Armand« vor, was der Beziehung, um die es geht, einiges an Vieldeutigkeit nimmt. In Sandra Nettelbecks Kinoadaption ist aus dem französischen Witwer nun ein amerikanischer geworden, der nach dem Tod seiner Frau in Paris bleibt, obwohl er sich dort nie heimisch fühlte.

Der gesunde Menschenverstand rät dazu, nicht kleinlich zu sein. Immerhin hat der Nationalitätswechsel es ermöglicht, dass Michael Caine eine der Titelrollen spielt. Weshalb Caine in der Originalfassung allerdings unablässig zwischen Cockney- und Princeton-Akzent wechselt, lässt sich auch durch diesen Kulturtransfer nicht recht erklären. Ein Anzeichen für eine mangelnde Hingabe an seine Rolle ist dies nicht.

Seit dem Tod seiner Frau ist das Leben des Professors Matthew Morgan ein verbittertes Rückzugsgefecht geworden. Die Verstorbene ist nach wie vor der Kern seiner Existenz: Es gehört zu den berückenden Aspekten des Films, dass sie (Jane Alexander) auch für den Zuschauer gegenwärtig bleibt. Morgan hat aufgehört, sich zu rasieren; auch seine Seele verwahrlost. Menschlichen Umgang hat er auf das Mindestmaß reduziert. Die Begegnung mit der Tanzlehrerin Pauline (Clémence Poésy) gibt seinem Dasein eine neue Richtung. Er ist fasziniert von der jungen Frau, deren Lebensfreude einer existenziellen Traurigkeit abgetrotzt ist: Auch sie fühlt sich als Hinterbliebene, seit ihr die Eltern durch einen Verkehrsunfall entrissen wurden. Eine März-Oktober-Romanze könnte sich nun anbahnen. Matt nimmt diese Möglichkeit nicht ohne Koketterie zur Kenntnis, der Film hält sie indes in der Schwebe. Pauline ist das letzte große Rätsel in Matts Leben oder, wie er sehr schön sagt, »der Riss in meiner Welt«. Sie genießen die Gegenwart des anderen, lernen voneinander.

Derlei Geschichten um generationenübergreifenden Zauber sind eigentlich eine sichere Bank. Auf Wehmut dürfen sie nicht verzichten. Ein Selbstmordversuch bringt Matts entfremdete Kinder auf den Plan. Karen geht pragmatisch mit der Krise um (Gillian Anderson spielt sie mit routinierter Verve), Miles hingegen ist ein Hadernder, der seinem Vater nichts verziehen hat (man wird in diesem Jahr schwerlich einen Darsteller finden, den die Gegenwart einer Kamera in größere Verlegenheit bringt als Justin Kirk). Dorner und Nettelbeck gehen verschwenderisch mit den gewichtigen Themen und großen Gefühlen um: Verlust, Schmerz, väterliches Versagen, Hoffnung. Eine ganze Reihe von Suizidversuchen bietet der Film auf, die zunehmend unglaubhafter werden. Nettelbeck konstruiert ihre Szenen vor allem im letzten Akt enervierend unschlüssig, als Serie von Abschieden, die umgehend zurückgenommen werden müssen. Und es hilft wenig, dass Hans Zimmers Musik immer eine Spur zu genau weiß, was passieren wird.

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