Kritik zu Mama gegen Papa – Wer hier verliert, gewinnt

© Tobis

Sorgerechtsstreit einmal umgekehrt: Im Spielfilmdebüt des Franzosen Martin ­Bourboulon setzt ein Scheidungspaar alles dran, seine Kinder zu vergraulen

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2.5 (Stimmen: 2)

Wenn sich ein Paar trennt, dann führt das im Normalfall dazu, dass selbst an den Kindern weitgehend desinteressierte Elternteile noch verbissen ums Sorgerecht kämpfen, wobei es häufig weniger ums Kinderwohl geht als darum, dem Gegner im Finale noch mal gründlich eins auszuwischen. Im Kontrast dazu eröffnet das Spielfilmdebüt von Martin Bourboulon, Mama gegen Papa – Wer hier verliert, gewinnt, eine erfrischend andere, hemmungslos politisch unkorrekte Perspektive auf den Sorgerechtsstreit. Denn statt um die Kinder zu buhlen, tun Vincent und Florence tatsächlich alles, um sie zu vergraulen.

Zunächst aber lässt sich der Film mit enormem Drive in den Bann der leidenschaftlichen jungen Liebe der beiden ziehen. Quer durch die wimmelnden Stockwerke eines Pariser Mietshauses, über Gänge, Höfe und Straßen verfolgt Vincent seine Freundin, die sich übermütig seinen Computer geschnappt hat, um ihn von der Arbeit wegzulocken und das Gerät am Ende der wilden Jagd impulsiv auf den Boden zu schmettern: Was sich liebt, das neckt sich, vermittelt die vibrierende Nouvelle-Vague-Unmittelbarkeit dieser mitreißenden Ouvertüre.

Ein paar Jahre später leben die beiden das große Glück als Traumpaar im Traumleben, mit Traumberufen und Traumkindern, selbst ihre anstehende Trennung, die sie einem befreundeten Paar bei der Dinner-Einladung beiläufig eröffnen, ist ein Traum, vernünftig und voller Zuneigung und Verständnis. Jedenfalls bis zu dem Moment, in dem sich für den Gynäkologen und die Bauleiterin gleichzeitig interessante Karrierechancen eröffnen, die mit dem Status des Alleinerziehenden völlig inkompatibel sind. Auf die Frage der Scheidungsanwältin, wer denn gehe und wer die Kinder haben wolle, deuten Florence und Vincent beflissen auf den jeweils anderen. Wenn die Erwachsenen diese Frage nicht binnen drei Wochen klären können, wird die Entscheidung den Kindern überlassen, so lautet die Ansage: Drei Wochen, um die Kinder nicht von den Vorteilen, sondern von den Nachteilen des Zusammenlebens zu überzeugen. So entspinnt sich ein Rosenkrieg der etwas anderen Art, der schnell Fahrt aufnimmt und mit ansteigender Geschwindigkeit auch immer gewalttätiger wird. Mit anarchischer Lust werfen sich Marina Foïs und Laurent Lafitte ins familiäre Kriegsgetümmel. Aus kleinen Gemeinheiten werden da bald große Hinterhältigkeiten, aus lästigem Gefrotzel tätliche Angriffe, von der übel verschnittenen Frisur über anzügliche Bemerkungen gegenüber Freunden bis zum megapeinlichen Auftritt auf der Party bieten die beiden scharfes Geschütz auf, um sich im schlechtestmöglichen Licht zu präsentieren. Dabei muss sogar der Hamster dran glauben, der nach einem derben Fußtritt in hohem Bogen gegen die Fensterscheibe klatscht. Allen Zumutungen zum Trotz erweisen sich die Kinder als erstaunlich widerstandsfähig, was vor allem daran liegt, dass sie in einem sehr warmen Nest aufgewachsen sind. Im Grunde ihres Herzens wissen sie, dass der ostentativ zelebrierte Hass in Wirklichkeit die reine Liebe ist.

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