Kritik zu Lost in Translation

© Constantin

Bill Murray und Scarlett Johansson im neuen Film von Sofia Coppola

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Mit der Schauspielerei (im dritten Paten) hat es nicht so recht geklappt. Aber als Regisseurin scheint Francis Ford Coppolas Tochter Sofia sich jetzt etabliert zu haben: Lost in Translation zeigt ein ähnlich subtiles inszenatorisches Gespür wie Coppolas viel gerühmtes Debüt Virgin Suicides.

Alles ist in der Schwebe. Tag und Nacht haben ihre Konturen verloren, eben noch vertraglich fixierte Beziehungen ihre Verbindlichkeiten, die Wahrnehmung vermittelt nur noch Ungefähres. Zwei Menschen mit untertassengroßen Augenringen an der Bar eines Luxushotels in Tokio. Bob Harris (Bill Murray), ein in Sarkasmus gealterter, vom Jetlag geplagter Schauspieler, der seine erfolgreichsten Jahre hinter sich hat. Und Charlotte (Scarlett Johansson), eine einsame junge Frau, die strickend und rauchend auf ihren frisch Angetrauten wartet. Doch der, ein Fotograf (Giovanni Ribisi), der eine japanische Band ablichten soll, bekommt vor lauter Hipness und Geschäftigkeit den Kulissenwechsel gar nicht mehr mit.

Sofia Coppola, die das Kunststück fertig brachte, in nur 27 Tagen in einer der teuersten Städte der Welt einen Low-Budget-Film zu drehen, erzählt in Lost in Translation von Menschen im Hotel. Vom Ausharren in einer noblen Unterkunft, die wie ein Raumschiff aussieht, das auf einem unbekannten Planeten vor Anker liegt und dessen Besatzung kaum wagt, einen Fuß nach draußen zu setzen. In ein fremdes Terrain, in dem man keine Straßennamen lesen kann und in dem man ungewohnte Begrüßungsrituale allzu leicht mit devoter Einfältigkeit verwechselt. Der Film handelt von Fremdheit, ausgemalt in den Farben von Hotel-Lounges und anderen Aufbewahrungsorten. In den Farben eines internationalen Geschmackkonsenses also, dem in seiner Kompromissbereitschaft nur die Gestaltung diffuser Mischwerte übrig bleibt. Auf der Tonspur liefern japanisch-amerikanisches Easy-listening in Aufzügen, das Geheule der Spielautomaten in den Vergnügungsmeilen und der flaue Hintergrundjazz einer amerikanischen Barsängerin ein tollkühnes Cross-over.

Dass auch Übersetzerinnen die cultural gaps nicht überbrücken können, zeigt die köstliche Szene, in der Harris beim Dreh eines Werbeclips verzweifelt versucht, den Regieanweisungen Folge zu leisten. Die minutenlange Erregung des dünnhäutigen Regisseurs fasst die freundliche Dame mit gleichbleibendem Lächeln und einem schlichten "more intensive, please" zusammen. In Passagen wie dieser stellt Sofia Coppola nach ihrem Regie-Debüt Virgin Suicides (1999) erneut ihre inszenatorische Leichtigkeit unter Beweis; in der Art, wie sie die langsame Annäherung von Charlotte und Bob choreographiert, zeigt sich ihr Gespür fürs Subtile und die Aura einer sehr intimen Einsamkeit. Nicht zuletzt deswegen erweist sich Lost in Translation bald als elegante Verweigerung, eine Lolita-Geschichte zu erzählen. Und wenn wir die von Scarlett Johansson gespielte mädchenhafte Charlotte das erst Mal auf dem Bett liegen sehen – ganz ähnlich wie das Nymphchen bei Stanley Kubrick oder wie Johansson selbst in The Man Who Wasn't There von den Coens, liegt bereits in der Hautfarbe des Schlüpfers der Bruch mit dem Mythos der Kindfrauen. Die Linien des Rückens, der Haare sind keine Drapierungen für ein männliches Phantasma, sondern dienen der Vorstellung einer Frau, die auf etwas wartet, das ihrem Leben eine neue Richtung geben könnte. Dass Harris mit seinen trüben Eheerfahrungen am Ende einer Enttäuschung angekommen ist, die Charlotte gerade bevor steht, verbindet die beiden über die Generationen. Das Klischee, das über ihrer gegenseitigen Anziehung liegt, hält sie wiederum auf Armlänge voneinander fern.

Bill Murray und Scarlett Johansson streifen sich dabei ihre Figuren so selbstverständlich über wie eingetragene Hausanzüge. Und es ist wunderbar, zuzusehen, wie eine bodenlose Traurigkeit Ironie und Abgeklärtheit aus den Gesichtern vertreibt. Murrays großes Talent für die Verlorenheit jenseits der Midlife-Crisis und für die Mehrdeutigkeiten der Melancholie, das spätestens seit Wes Andersons Rushmore außer Frage steht, verfeinert sich unter Coppolas Führung mit Witz und Raffinesse. Und wenn Johansson beim Karaoke das Fragezeichen einer barbiepinken Haarsträhne aus ihrem Gesicht schiebt und nicht bemerken will, dass ein anderes sich wieder vor ihrer Schläfe platziert hat, liegt in dieser Geste eine trefflich austarierte Mischung aus Wissen und Unschuld. Dafür erhielt Johansson in Venedig den Preis für die beste Schauspielerin.

Das Ende von Lost in Translation gehört jedoch Tokio. Ein nachgeholter Kuss, ein Goodbye in irgendeiner Fußgängerzone und dazu ein Blickwechsel, in dem die Sicherheit ausgetauscht wird, nicht etwas ganz Großes verpasst, sondern etwas Entscheidendes erlebt zu haben. Und auf einmal gleicht Tokio gar nicht mehr einer Festung des Unverständlichen, sondern fügt sich nahtlos in die Serie all der Städte, in denen der westliche Romanzen-Kanon seit je die Liebe verortet. Städte wie Paris oder Rom, in denen das Kino jede Berührung zwischen Mann und Frau per se als Effekt einer metropolitanen Bestimmung feiert. Aus den Helligkeitsschwankungen der Jetlag-Eintrübungen ist eine klare Ansicht von Passanten geworden. Und die dröhnende Aussicht des anreisenden Harris kontert die Schlussfahrt zum Flughafen mit einem durch und durch romantischen Blick zurück.

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