Kritik zu Kleine Ziege, sturer Bock

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Wotan Wilke Möhring spielt einen überzeugten Junggesellen, der plötzlich mit einer halbwüchsigen Tochter konfrontiert wird

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Der Blick des Mannes ist unsicher-staunend, aber die Freude darin ist unübersehbar. Gleich wird er auf dem Flughafen seine zwölfjährige Tochter begrüßen, von deren Existenz er gerade einmal 24 Stunden weiß. Doch kann der Zuschauer ihm diese positive Haltung abnehmen – einem Mann, der immer wieder betont, dass ihm seine Freiheit über alles geht, der Bindungen scheut und sich mit seinen 38 Jahren in den verschiedensten Jobs durchschlägt? Er kann es, weil Wotan Wilke Möhring ihn mit einem lakonischen Witz verkörpert.

Mehr Probleme mit diesem Mann in der abgetragenen Kleidung hat die adrett gekleidete Tochter. Eigentlich ist sie auch gar nicht so interessiert an ihm, diesem »totalen Tramp«, diesem »verträumten Chaoten«, wie ihre Mutter ihn charakterisiert hat. Diese hat ihr all die Jahre gepredigt, sie könnten auch ohne Mann glücklich sein – und jetzt hat sie ihr angekündigt, sie wolle ihren Freund heiraten. Kurz darauf schleppen der und seine beiden kleinen Söhne (die die Tochter mit immer neuen Schimpfworten belegt) bereits die Umzugskisten in die Villa der Opernsängerin. Nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit der Mutter zu genießen – das Einzige, was die beiden zusammengehalten hat in all den Jahren und den vielen Städten, in denen sie bereits gelebt haben –, kann Mai nicht ertragen. Hinter ihrer Hochnäsigkeit wird im Lauf der Reise ein ziemlich unglücklicher Mensch sichtbar. Zudem erfährt sie, dass die Mutter sie angelogen hat, was ihre damalige Beziehung zu Jakob anbelangt.

Die Aussicht, die nächsten fünf Tage in einem klapprigen Transporter mit ihrem Vater zu verbringen, gefällt Mai gar nicht. Aber etwas anderes bleibt ihr nicht übrig, denn Jakob hat gerade einen neuen Job angenommen: einen Schafsbock nach Norwegen zu überführen. Wie es in Roadmovies so üblich ist, kommen sich die Menschen im Verlauf der Reise näher, wozu auch der Schafsbock beiträgt, der ansonsten überwiegend als comic relief herhalten muss.

Der Film hat seine Momente: wenn der Bock sich von Elvis-Songs besänftigen lässt oder wenn ein »Blutbad« in einer Raststättentoilette sich als Mais erste Regelblutung erweist. Das setzt der Film mit Understatement in Szene, was man, gegen Ende, von dem plötzlichen Auftauchen der Mutter (Julia Koschitz) und ihrem angedeuteten Umschwenken gegenüber Jakob nicht behaupten kann. Und dass die Harmonie zwischen Vater und Tochter im letzten Teil durch häufig eingefügte Totalen der eindrucksvollen Landschaft und ein nächtliches Polarlicht bekräftigt wird, ist nicht gerade subtil.

Produzent und Verleih haben 2011 mit »Dreiviertelmond« eine nicht unähnliche Geschichte ins Kino gebracht, die die Annäherung zeigte zwischen einem grantelnden Taxifahrer (Elmar Wepper) und einem türkischen Mädchen, das eines Tages in seinem Wagen saß. An dessen Qualitäten denkt man beim Ansehen dieses Films wehmütig zurück.

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