Kritik zu Kleine Wunder in Athen

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Krisenland Griechenland: Als hätte er nicht schon genug Probleme, muss sich in Filippos Tsitos' lakonischer Komödie ein stolzer Grieche fragen, ob er nicht in Wahrheit zu den von ihm so verachteten Albanern gehört

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Der griechische Originaltitel dieser Koproduktion lautet »Akadimia Platonos« und bezieht sich auf einen Stadtteil des modernen Athen, dessen Name von der von Platon an diesem Ort begründeten antiken Philosophenschule stammt. Das Streben nach Wahrheit stand hier im Mittelpunkt. Vorurteile, die Feinde jeder Erkenntnis, galt es, durch gründliche Diskussion aus dem Wege zu schaffen.

Mehr als 2000 Jahre später: Stavros und seine Freunde betreiben in diesem Teil Athens ihre Kioske. Drei Läden an einem kleinen, unbelebten Platz mit mehr oder weniger identischem Warenangebot. Kein Wunder, dass die Geschäfte schlecht laufen. So hängen diese großen Jungs tagein, tagaus vor ihren Läden rum und philosophieren auf ihre Art. Nicht bestrebt, neue Erkenntnisse zu gewinnen, sondern im bequemen Wiederkäuen ihrer Vorurteile über die Chinesen vom Laden gegenüber und die albanischen Bauarbeiter, die mitten auf dem Platz ein Denkmal für die »Interkulturelle Solidarität« errichten.

Mit einer wohldosierten Mischung aus Trägheit und schwelendem Unmut spielt Antonis Kafetzopoulos den nicht mehr ganz jungen Stavros. Der durch sein eigenes Leben treibende Tabakhändler kümmert sich aufopferungsvoll um seine demente Mutter, die eines Tages in einem albanischen Arbeiter ihren verlorenen Sohn Remzi zu erkennen glaubt – und plötzlich albanisch spricht. Stammt sie und damit auch der stolze Grieche Stavros in Wahrheit aus Albanien? Das wäre sein mentaler Bankrott. Seine Schwermut weicht blankem Entsetzen, als auch seine Freunde Anzeichen zu erkennen glauben, dass er wohl kein ganz echter Hellene sein kann.

Filippos Tsitos, in Griechenland geborener und seit 20 Jahren in Berlin lebender Regisseur, beweist ein feines Gespür für nationale Eitelkeiten und die Relativität vermeintlich festgeschriebener Mentalitäten. Als leise Posse mit lakonischem Tonfall entfaltet er Stavros' innere Erschütterung, das Seelendrama eines einfachen Mannes, dessen scheinbare Gewissheiten in einen Strudel aus Eifersucht und Identitätszweifel geraten.

Kaurismäkischer Stoizismus liegt Tsitos dabei näher als etwa der Aufklärungsfuror eines Ken Loach. Dumpfen Patriotismus, gleich welcher Nationalität, demontiert er mit Ironie und Charme quasi im Vorbeigehen. Die Trägheit seiner Protagonisten – der leider auch streckenweise das Drehbuch erliegt – wird kontrastiert durch einen bunten Reigen aus beschwingter Folklore und Rockmusik. Wie gerne erkennt Stavros sich wieder in den Hymnen auf Unabhängigkeit und Freiheit! – Und wie kläglich fällt dagegen seine Existenz aus. Doch aus diesem Bruch zwischen Selbstbild und Wirklichkeit schlägt der Humor seine Funken. So schwer Stavros' Irrtümer wiegen, so liebevoll wird er als Mensch porträtiert. Obwohl sich der Film niemals ein simples »Alle Menschen werden Brüder« zusammenreimt, ist Stavros am Ende vielleicht ja doch durch seine ganz persönliche philosophische Schule gegangen.

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