Kritik zu Keep Surfing

© 20th Century Fox

Vergesst Kalifornien! Das eigentliche Mekka der Surfer liegt in München. Zumindest für die Flusswellenreiter, die sich am Eisbach nahe dem Englischen Garten in die Fluten werfen. Björn Richie Lob dokumentiert in seinem Debütfilm das Phänomen

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Der »Spot« ist vielleicht gerade so groß wie eine Ein-Raum-Wohnung, aber der mit ein paar Eisenbahnschwellen angestaute Seitenarm der Isar produziert dauerhaft das, wovon jeder Surfer träumt: die perfekte Welle. Drum herum hat sich in den letzten dreißig Jahren eine Szene etabliert, die der Filmemacher Björn Richie Lob in seinem Debüt »Keep Surfing« beleuchtet. Dieter Deventer etwa war einer der Ersten, die mitten in München den Surfsport kultivierten. Dabei wirkt der ruhige, mit Bedacht berichtende Mittvierziger gar nicht wie ein Adrenalinsüchtiger. Aber wenn er sich mit dem Wetsuit aus dem reißenden Wasser zieht, hat er ein Strahlen auf dem Gesicht, das mehr vom Glück erzählt als alle Abenteuergeschichten. Der ehemalige Tankschutzmonteur Walter Strasser galt lange Jahre als Hausmeister am Eisbach und hat alle »Poser« vom Terrain verjagt. Selbst dem neunmaligen Surfweltmeister Kelly Slater haben die Münchner kurzerhand die Welle abgedreht. Der risikosüchtigste Surfer in der Eisbachszene ist mittlerweile Facharzt für Orthopädie und stürzt sich beim Jahrhundert-Hochwasser beherzt mit dem Surfbrett von der Brücke in die Fluten. Lob filmt all dies hautnah: von den gut ausgeleuchteten Surfkunstdarbietungen am Eisbach bis zu Ausflügen zu den Megawellen in Frankreich und Kanada. Mit einer auf dem Brett montierten Kamera wirft sich der Filmemacher selbst ins reißende Gewässer.

»Keep Surfing« ist dennoch kein Insiderfilm geworden, weil sich Lob nicht nur für den Sport, sondern vor allem für die Menschen interessiert, für ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Verrücktheit und ihre Normalität. Allesamt sind sie bekennende Individualisten, die nicht hineinpassen wollen in das Schickimicki-Image Münchens. Dass Lob den Lokalpatriotismus manchmal ein wenig überdosiert, ist ein marginaler Makel in diesem agilen Szeneporträt, das vor allem von der puren Lebenslust jenseits konventioneller Glücksfindungskonzepte erzählt.

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