Kritik zu It Comes At Night

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Trey Edward Shults (»Krisha«) hat mit Joel Edgerton in der Hauptrolle einen dystopischen Hororrfilm gedreht, der sich ganz auf das schwierige, feindselige Weiterleben nach der Katastrophe konzentriert

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Schon in den ersten Szenen herrscht ein beklemmender Kontrast zwischen der Intimität der gesprochenen Worte und der Art, wie die Menschen sich physisch voneinander abschotten. Ein herzzerreißender Abschied, zärtliche Liebesbekundungen von einer Tochter an ihren Vater, von einem Enkel an seinen Opa, Umarmungen, aber keine direkte Berührung. Der ausgezehrte und mit schwärenden Furunkeln übersäte Kranke wird in einer Schubkarre nach draußen gebracht, in ein ausgehobenes Erdloch gerollt, durch ein Kissen mit Kopfschuss getötet und anschließend verbrannt.

Die Welt ist klein, eng und schummrig geworden. In einem Holzhaus, einsam mitten im Wald gelegen, mit verbarrikadierten Fenstern und metallbefestigten Türen. Jedes Geräusch, das aus dem Dunkel ins Haus dringt ist eine potenzielle Gefahr, draußen könnten infizierte Tiere oder plündernde Menschen lauern. Die wohl schon eine Weile zurückliegenden Anfänge des Weltuntergangs interessieren Trey Edward Shults nicht. Der Indie-Filmregisseur, der schon mit seinem Debüt »Krisha« einiges Aufsehen erregt hat, konzentriert sich auf die Spätfolgen, auf den Ausnahmezustand der Zeit danach. Der Blick verengt sich, es geht nur noch ganz unmittelbar darum, wie sich das Überleben der nächsten Tage und Stunden sichern lässt. Es lohnt sich, ohne großes Vorwissen ganz langsam in die Wahrnehmung dieser kleinen Familie, in die Gegebenheiten ihres Lebens im Ausnahmezustand hineingezogen zu werden, und die Kritik erst anschließend zu lesen.

So wie in anderen Weltuntergangsszenarien, die das Kino und das Fernsehen so gerne zeigen, von »28 Days later« über »I Am Legend« bis »The Road«, von »The Walking Dead« bis »Jericho«, haben die wenigen Überlebenden auch hier gelernt, strenge Regeln einzuhalten: Nach draußen geht es ausschließlich mit Gasmaske und Handschuhen. Nahrungsmittel und Wasser sind streng rationiert. Doch an diesem Abend, nach dem Tod des Großvaters, ist Paul (Joel Edgerton), Sarah (Carmen Ejogo) und ihrem siebzehnjährigen Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr.) der Appetit vergangen. Und so sehr man sich auch nach Gesellschaft sehnen mag, herrscht doch das Bewusstsein, dass die Hölle die anderen sind, dass niemandem zu trauen ist. Jeder, der gerade noch gesund aussieht, kann bereits ansteckend und morgen todkrank sein. Entsprechend rabiat und aggressiv wird ein Eindringling (Christopher Abbot) unschädlich gemacht, zusammengeschlagen und zur Quarantäne über Nacht an einen Baum gefesselt. Nach eingehender Prüfung stellt sich heraus, dass auch er wie Paul nur ein Familienvater ist, der Frau und Kind schützen will. Die kulturellen Errungenschaften der Zivilisation sind auf essenzielle, animalische Instinkte zusammengeschrumpft, und jeder Moment der Leichtigkeit, jedes Gefühl der Geborgenheit kann zur Falle werden. Jedes Geräusch im Nachbarzimmer, jedes belauschte Gespräch könnte ein Indiz für den Verrat sein. Das Erschütterndste an diesem Leben ist nicht das greifbare Grauen, sondern die Erkenntnis, dass jeder Moment des Vertrauens das eigene Schicksal besiegeln kann. Obwohl sie schon so viel verloren haben, ist auch das Wenige, an das sie sich noch klammern können, unablässig in Gefahr. Im Gesicht von Joel Edgerton, in seinen müden, sorgenvollen Augen spiegelt sich die Resignation, das Wissen, dass der Kampf in Wirklichkeit schon längst verloren ist.

Knappe neunzig Minuten lang schürt der Film dieses Klima der allgegenwärtigen Bedrohung, in dem die Nervosität der Menschen die Atmosphäre vergiftet. Die Kamera hetzt sie durch lange, enge Gänge und düstere Wälder, unheimlich dumpfe Trommelrhythmen treiben sie vor sich her, und im schummrigen Licht lassen sich die Absichten auf schmutzigen Gesichtern nur mühsam erkennen, und immer bleibt eine Unsicherheit, ob sich auf der Haut womöglich doch schon die ersten Zeichen der tückischen Krankheit bilden. Immer stärker verschwimmen die Grenzen zwischen den realen Ängsten im Alltag und den Albträumen, die Travis nachts heimsuchen. Und wie in jedem Weltuntergangsszenario stellt sich irgendwann die Frage, welchen fürchterlichen Preis das nackte Überleben kostet.

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