Kritik zu Iraqi Odyssey

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Der irakische Regisseur Samir versucht in seinem neuen Dokumentarfilm, die Geschichte seiner in alle Winde verstreuten Familie vor dem Hintergrund der radikalen politischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert zu rekonstruieren

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Die Geschichte der Jamal-Aldin-Familie liest sich beinah so kompliziert wie die Geschichte ihres Heimatlandes, des Iraks. Sie ist in vieler Hinsicht auch repräsentativ für das Schicksal unzähliger irakischer Familien, die Opfer der politischen Umwälzungen im 20. Jahrhundert geworden sind. Vier Millionen Irakis leben heute in der Diaspora, sie sind über den gesamten Globus verstreut: das Resultat von Kriegen, politischer Verfolgung und wirtschaftlicher Not. Der Filmemacher Samir, dessen Eltern in den 60er Jahren in die Schweiz, das Geburtsland der Mutter, auswanderten, versucht in seinem Dokumentarfilm »Iraqi Odyssey«, einen Aspekt dieser irakischen Geschichte am Beispiel seiner eigenen Familie zu rekonstruieren.

Die Odyssee ist ein häufig benutztes Bild für das Leben in der Diaspora. Samirs Onkel Sabah, der als praktizierender Arzt in Kuwait, Syrien, im Oman und dem Iran lebte, findet im Interview jedoch auch eine (eigenwillige) politische Analogie zum Motiv des Odysseus-Mythos: In ihr übernimmt der Irak die Rolle der untreuen Ehefrau Penelope. Der Irak habe sich immer mit den falschen Partnern eingelassen.

Die Frustration über die politische Entwicklung ihres Heimatlands ist besonders unter den älteren Familienmitgliedern groß. Die Hoffnung, dass der Sturz von Saddam Hussein die glorreiche irakische Moderne der 50er Jahre restaurieren könnte, erwies sich als Trugschluss. Die Jahrzehnte im Ausland haben Onkel, Tanten und Cousins von ihrer Heimat entfremdet. Nur Samirs dreißig Jahre jüngere Halbschwester Souhair, die in den USA auf eine Aufenthaltsgenehmigung wartet, sieht die Entwicklung im Irak optimistisch. Die Jugendlichen seien weltoffener als unter dem alten Regime, auch Frauen hätten heute mehr Rechte.

»Iraqi Odyssey« ist ein ambitioniertes Projekt, da Samir die Geschichte von einer subjektiven wie auch von einer objektiven Warte zu erklären versucht. Der Filmemacher erweist sich als enthusiastischer Erzähler, der aus einer Vielzahl von Bildquellen (Homevideos, Filmschnipsel, Nachrichtenbilder, Familienfotos, Interviews) die bewegte Familienhistorie nachzeichnet. Dabei kommt ihm entgegen, dass auch seine Verwandten, insbesondere Sabah, sein Cousin Jamal und die nach Neuseeland ausgewanderte Tante Samira, die Familienchronik um unterhaltsame Anekdoten bereichern.

Die Fabulierkunst der Männer und Frauen liefert schöne Einblicke in eine gesellschaftliche Realität, die angesichts aktueller Bilder fast vergessen ist: In den 50er Jahren, als Samirs Großvater, ein angesehener Richter, seine Töchter auf die Universität schickte, bestand im Irak kein Widerspruch zwischen religiösen und säkularen Strömungen. In den Straßen von Bagdad sah es kaum anders aus als in den westlichen Metropolen Paris oder London. Die Jamal-Aldin-Familie gehörte zum Bürgertum, einige Mitglieder standen der kommunistischen Partei nah. Diese exponierte Rolle der Familie innerhalb der irakischen Gesellschaft ist ein Grund, warum sie sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder mitten in wichtigen politischen Prozessen wiederfand. So sind die Erinnerungen von Jamal, der Ende der 50er Jahre in Moskau Atomphysik studierte, um später beim Bau des ersten irakischen Reaktors zu helfen, Zeugnis des Schicksals unzähliger Kommunisten unter dem Regime der Baath-Partei.

Auf internationalen Festivals lief eine Fassung von »Iraqi Odyssey«, die mit über 160 Minuten für einen Streifzug durch die komplizierte irakische Landesgeschichte sicher nicht zu lang ist. Der knapp neunzigminütigen Version, die in den deutschen Kinos zu sehen sein wird, merkt man die starke Raffung gerade zu Beginn deutlich an. Trotzdem überfordert die schiere Menge an Namen und Informationen den Zuschauer stellenweise. In den Schilderungen der jüngeren Ereignisse ab 1991, dem Jahr des Zweiten Golfkriegs, verkommt der Film (in der Kurzfassung) etwas zur Geschichtsstunde. Als Chronist übernimmt der Regisseur weitgehend die offizielle Version, auch das Bildmaterial – etwa über den Einmarsch der US-Truppen 2003 – stammt großenteils aus westlichen Nachrichtenarchiven. Doch das sind nur marginale Kritikpunkte an einem Dokumentarfilm, der das Politische und das Private auf äußerst lebendige Weise zusammenführt.

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