Kritik zu Imagine waking up tomorrow and all Music has disappeared

© Real Fiction

2015
Original-Titel: 
Imagine waking up tomorrow and all Music has disappeared
Filmstart in Deutschland: 
22.10.2015
L: 
86 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Stefan Schwietert (»A Tickle In The Heart«, »Heimatklänge«), der Dokumentarfilmer mit dem besonderen Gespür für Musik, begleitet den großen Anarchisten und Rebellen der britischen Musik-Szene, den in Südafrika geborenen schottischen Musiker Bill Drummond, bei seinem neuesten Projekt

Bewertung: 4
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Bill Drummond ist in jeder Hinsicht ein extremer Musiker. Als er mit seiner Band KLF (Kopyright Liberation Front oder auch Kings of Low Frequency) 1992 den Brit Award erhielt, feuerte er mit Maschinenpistolen Platzpatronen ins Publikum und verließ die Bühne der Popmusik für immer. Er zog alle Veröffentlichungsrechte seiner Tonträgern zurück und machte die KLF-Platten dadurch zu absoluten Raritäten. Danach verbrannte er vor der Kamera 1 Million englische Pfund, ungefähr die Summe, die er mit seiner Musik verdient hatte, und löste damit mehr Protest aus als mit seinen immer wieder radikal anarchischen Stücken. Er produzierte erfolgreiche Bands wie Echo & the Bunnymen oder The Teardrop Explodes, arbeitete aber auch als Milchmann, Gärtner, Stahlarbeiter und Maler. Bill Drummonds Ziel war es, in einer Welt der simplen Hits, der immer kommerzieller werdenden Musik ein Exempel zu statuieren, sich ohne Selbstschutz gegen die Vermarktung, vor allem aber gegen den Kontrollverlust zu stellen. Musik ist ein zeitgebundenes Ereignis und ihre  technisch reproduzierte Wiederholung gleichsam ihr Tod. Drummond wollte die Macht über seine Musik nicht aus der Hand geben. Und mit der Hitmaschine rechnete er in dem grandios bösen Buch »The Manual (How to Have a Number One the Easy Way)« ab. Man muss nach wie vor mit ihm rechnen, man weiß nur nicht in welcher Währung.

Sein jüngstes Project heißt »The 17« und ist ein imaginativer Chor, der sich aus vielen Sängern zusammensetzt, die einander nie sehen. Bill Drummond ist mit einem Aufnahmegerät quer durch die Welt gereist und hat ganz unterschiedliche Menschen dazu aufgefordert, Laute hervorzubringen, rhythmisch manchmal, aber immer wieder nur einfache Grundtöne. Daraus, so sagt er, wolle er ein Stück komponieren, dass allen, die daran mitgewirkt haben, zu Gehör gebracht werden sollte. Die passenden Einladungskarten verteilt er gleich mit. »Imagine Waking Up Tomorrow And All Music Has Disappeared« – das war der Grundgedanke. Die Menschheit verliert alle Musik und muss von vorne anfangen. Mit der Stimme und dem Gefühl für Rhythmus. Der für seine Musik-Dokumentationen bekannte deutsch-schweizer Filmemacher Stefan Schwietert (»A Tickle In The Heart«, »Heimatklänge«) begleitet Drummond mit der Kamera. Er schaut ihm zu, wie er Bauarbeiter singen lässt, in englische Fabriken geht, zwischendurch bei sich zu Hause vorbeischaut, dann einen kleinen Nonnenchor zusammenstellt und am Ende in Irland landet, an der Westküste auf einer malerischen Klippe.

Den ganzen Film über fragt man sich, was wohl dabei herauskommen mag, wenn all die verschiedenen Töne kompiliert und übereinander geblendet werden. Das ist die spannende Frage, die den Films jenseits der immanenten Komik trägt. Und die Art, wie Drummond das zum Schluss auflöst, ist typisch: überraschend und vorhersehbar zugleich. Man ist gezwungen darüber nachzudenken, was Musik kann und soll. Selbst, wenn man nicht seiner Meinung ist: anregend ist dieses Projekt allemal. 

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