Kritik zu The Ides of March – Tage des Verrats

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In seinem vierten selbst inszenierten Film macht George Clooney sich Hoffnungen auf die Präsidentschaftskandidatur. Ryan Gosling ist sein cleverer Berater. Aber der Vorwahlkampf läuft nicht rund . . .

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George Clooney ist der Star, dem man alles abkauft: demokratische Grundüberzeugung, künstlerische Integrität, schräge Witze. Nicht einmal seine Werbung für unökologische Kaffeepads – denken Sie bloß an den Plastikmüll! – hat seinem Image geschadet. Angesichts seines jungenhaften Charismas und der kennedyhaften good looks, die ihn mit dem älteren, ähnlich gepolten Kollegen Robert Redford verbinden, war es nur eine Frage der Zeit, dass er auch einmal als Kandidat für ein politisches Amt vor die Kamera treten würde: Clooney for President! Nicht minder typisch ist freilich, wie er sich in seiner vierten Regiearbeit selbst zurücknimmt: Der Part, den er in The Ides of March spielt, ist erstens eine Nebenrolle und zweitens ziemlich unrühmlich.

Als demokratischer Gouverneur Mike Morris, der gute Chancen hat, von seiner Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, entwickelt er zunächst tolle Ideen, die Amerika wieder zu einer großen Nation machen könnten: Wenn man zum Beispiel kein Öl mehr kaufen würde, dann müsste man nicht in fremde Länder einfallen und miese Kriege führen. Zu den üblichen Deals, zum Tausch politischer Positionen gegen Stimmen, ist Morris nicht bereit. Und mit seinem Idealismus – dieses Programm bewegt sich jenseits jeder gängigen Vorstellung von Realpolitik – ist es ihm gelungen, eine engagierte junge Gefolgschaft zu mobilisieren. Allen voran der von Ryan Gosling gespielte Politikberater Stephen Meyers, der sich selbst Hoffnungen auf eine glänzende Karriere macht: Er beherrscht seine Statistik, schüttelt strategische Volten aus dem Handgelenk und verfügt über persönlichen Charme, kurz: Er ist mindestens so »hot« wie sein Chef.

Auf dem Höhepunkt der Vorwahlen, Morris müsste seinem Konkurrenten den umkämpften Bundesstaat Ohio abnehmen, gerät die geölte Maschine freilich ins Stottern. Meyers verprellt den Kampagnenleiter Paul (Philip Seymour Hoffman), indem er sich mit dem Stabschef der anderen Seite (Paul Giamatti) trifft. Und seine Affäre mit der auch sehr engagierten Praktikantin Molly Stearns (Evan Rachel Wood) verschafft ihm einen desillusionierenden Einblick in das Privatleben des Kandidaten. Leider wirkt hier schon die Bezeichnung »Praktikantin« als Spoiler – seit Clintons Monica-Gate ist ziemlich klar, worauf das hinaus will. Die »Seitensprünge« von Meyers und Morris lösen eine Kaskade von Lügen, Finten, Bestechungs- und Erpressungsmanövern aus, und vom Gewissen wird hier, anders als in Franklin J. Schaffners The Best Man, in dem Henry Fonda im Wahlgetümmel unter umgekehrten Vorzeichen rechtschaffen demissionierte, nicht mehr die Rede sein. Am Ende muss eine Grabrede mit politischem Subtext gehalten werden, aber es ist nicht etwa ein Tyrann, der da liegt – so viel zu den Shakespeare-Allusionen, die Clooney liebt.

The Ides of March ist die Adaption eines Theaterstücks und war bereits vor Jahren zum Dreh angesetzt – das Projekt habe aber nicht zur Stimmung des Obama-Aufbruchs gepasst, sagt der Regisseur. Wenn der Film jetzt ins Kino kommt, drückt sich darin sicherlich die Enttäuschung der Hollywoodlinken über den Opportunismus des amtierenden Präsidenten, seine Rückzüge in der Sozial-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik aus. Eine Enttäuschung, die Clooneys Freund Matt Damon unmissverständlich formuliert hat: Obama habe sein Mandat verfehlt, auf »audacity«, auf Mut, sei nicht mehr zu hoffen. Die Konstruktion des Plots in The Ides of March, die unoriginelle Fokussierung auf einen libidinösen Fehltritt des Spitzenpolitikers, entschärft den Befund freilich wieder: Es braucht heute gar keine Skandale mehr, um den Demokraten den Schneid abzukaufen – Obama hat sein Programm auch ohne eine Monica im Hinterzimmer geopfert. So funktioniert der Film unterm Strich wie eine etwas kriminellere Version der Serie »The West Wing« – unterhaltend, informiert, mit einer feinen schauspielerischen Ensembleleistung und atmosphärischen Schauplätzen, aber ohne echte Sprengkraft.

Das wird noch deutlicher, denkt man an die Verbindung des Filmemachers Clooney zum Kino der Siebziger. Die läuft schließlich nicht nur über seinen Star-Appeal, den Redford- Effekt, sie ist auch eine inhaltliche: Man spürt stets die Neigung zur urbanen, liberalen Kultur dieser Jahre, zum Fernsehen, dem Journalismus, zu einer typisch amerikanischen, weniger emphatischen als handgreiflichen Variante der Aufklärung. The Ides of March etwa wird gerahmt von zwei Szenen, die an die fulminante Schlusssequenz in Alan Pakulas Thriller The Parallax View erinnern. Gosling, der Steigbügelhalter und Karrierist, imaginiert sich hier bei den Mikrofontests für die Auftritte des Chefs selbst als Kandidat: Die Reden beherrscht er perfekt, und er garniert sie mit ein paar beiseitegesprochenen Lässigkeiten – wie auf dem Theater. Das ist smart gemacht, zeigt aber auch, woran es Clooneys Kino fehlt. Da ist nichts von dem visuellen Druck, dem Einfallsreichtum, dem Witz und dem Wahn, mit denen Pakula die Generalprobe für eine politische Inszenierung aus dem Ruder laufen lässt. Hey, Mr. Clooney: ein bisschen mehr – audacity.

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