Kritik zu I Killed My Mother

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Mit 17 schrieb er das Drehbuch, mit 19 verfilmt er es in eigener Regie und spielt selbst die Hauptrolle: Der Kanadier Xavier Dolan entpuppte sich mit seinem Regiedebüt über Mutterhass als wahres Wunderkind

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Die Familie baut ein Spannungsfeld auf, in dem sich jeder zurechtfinden muss. Selbst im Unglück. Im beeindruckend radikalen Debüt des 1989 geborenen frankokanadischen Regisseurs Xavier Dolan, der das Drehbuch mit 17 schrieb, es in eigener Regie mit 19 verfilmte, produzierte und die Hauptrolle übernahm, spielt sich das häusliche Drama zwischen Mutter und Sohn in einem Vorort von Montreal ab. Der Vater ist abwesend. Chantale Lemming – Dolan hat ein Faible für signifikante Namen und Hinweise – lebt als Alleinerziehende zusammen mit ihrem 17-jährigen Sprössling Hubert. Der Teenager wird langsam flügge und begibt sich täglich ins Sparring mit seiner Erziehungsberechtigten.

Hubert lehnt seine Mutter ab und macht daraus keinen Hehl: Ihr Wesen ist ihm zu schlicht, ihr Geschmack zu vulgär, und die Brotkrumen, die beim Essen an ihrem Mund haften bleiben, ekeln ihn an. Ebenso wenig entspricht das Interieur der gemeinsamen Wohnung dem Stilempfinden des 17-Jährigen. Die Mutter liebt Dschungelmotive, Erdfarben und Accessoires. Sie geht gern ins Bräunungsstudio, zieht sich buntscheckig an und ist – nach Meinung ihres Sohnes – in allem eine Beleidigung fürs Auge. Und es mangelt ihr an Verständnis. Chantal hat der Ungnade Huberts nicht viel entgegenzusetzen. Alles, was sie sagt, fasst er falsch auf und reagiert beleidigt oder aggressiv.

Dolan inszeniert den rücksichtslos ausgetragenen Konflikt aus dem Tunnelblick des Sohnes heraus. Stringent, sowohl musikalisch als auch farblich, trennt er die Sphäre der Außen- von der familiären Welt. Wie in einem Stillleben arrangiert er Personenkonstellationen in strenger Rahmung. Experimentelle und luftige Aufnahmen aus der Kindheit stellt er dagegen. Seine Verachtung, immer wieder von einer Art unwilliger Zuneigung durchbrochen, zeichnet Hubert auf einer nächsten filmischen Ebene in einer Art Videotagebuch auf. Trotz ihrer Überzeichnung gewinnt die Figur der Mutter in absurden, komischen bis rührenden Momenten an Boden – und Sympathie. In einer Szene schreien sich Chantal und Hubert minutenlang auf einer Autofahrt an, ohne den Worten des anderen zuzuhören. Sie positionieren sich wie im Ring gegeneinander. Hubert versetzt seiner Mutter einen Tiefschlag, als er ihre Existenz vor seiner Lehrerin negiert. Er soll einen Aufsatz über den Beruf eines Elternteils schreiben. Den Vater sehe er nie und seine Mutter sei tot, erzählt er ihr. Als Chantal davon erfährt, lässt der Regisseur sie in Zeitlupe zu grandioser Musik durch die Korridore der Schule stürmen, um Hubert wie eine Furie zur Rede zu stellen: »Sehe ich etwa aus, als wäre ich tot?«

Die Idee zu dem Film basiert auf einer Kurzgeschichte über kindlichen Hass, die Dolan bereits zu Schulzeiten schrieb und die den Titel »Muttermord« trug. Später nahm er das Motiv wieder auf, arbeitete es zu einem »gerechten Drehbuch« um, in dem man die Hauptfiguren abwechselnd lieben und verabscheuen sollte. Ähnlich kreativ wie der Regisseur, dessen Film unter anderem beim Festival in Cannes 2009 mit drei Preisen ausgezeichnet wurde, agiert sein Protagonist Hubert. Er belegt mit seinem Mitschüler und Freund Antonin Rimbaud, in den er verliebt ist, einen Kunstkurs und interessiert sich für Literatur. Seiner Lehrerin gefallen seine Texte, sie fördert ihn, mit Hinweis auf die eigene verfahrene Familiensituation. Diese Seiten ihres Sohnes bleiben Huberts Mutter verborgen. Sie erfährt bei einer Begegnung mit Antonins Mutter im Sonnenstudio durch Zufall, dass ihr Sohn schwul ist. Hier mischen sich einen Moment lang die Milieus: das der Bohème, verkörpert von der unbekümmert losplappernden, aber nicht unbedingt sensiblen Frau Rimbaud, und das kleinbürgerliche Chantals und ihrer Freundin, denen die gebräunten Gesichtszüge bei dieser Offenbarung entgleiten.

Als der Konflikt zu Hause eskaliert, muss Hubert ins Internat. Der Vater, der die Familie vor langer Zeit verlassen hat und den der Sohn selten besucht, spricht das von der Mutter geforderte Machtwort. Das Spannungsfeld löst sich nicht auf, das Unglück verlagert sich. »Ich bin nicht dazu geschaffen, eine Mutter zu haben«, sagt Hubert, aber in seiner Erinnerung existiert noch immer die Frau, die ihn zur Welt gebracht und mit der er seinen Lieblingsort entdeckt hat.

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