Kritik zu Hör auf zu lügen

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Olivier Peyon hat Philippe Bessons Roman über einen erfolgreichen Romanautor adaptiert, der in seine Heimatstadt zurückkommt und dort immer wieder an den Schmerz der ersten Jugendliebe erinnert wird

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Was Stéphane (Guillaume de Tonquédec) nach 35 Jahren in seinen Heimatort zurückbringt, erschließt sich nur nach und nach. Womöglich weiß er es selbst nicht so genau, als er aus dem Zug steigt. Vordergründig hat der erfolgreiche Autor von Liebesromanen eine Einladung angenommen, als Ehrengast zur 200-Jahr-Feier einer hiesigen Cognac-Marke zu sprechen. Das Programm ist vollgepackt, wie die aufgeregte Dame, die ihn am Bahnhof begrüßt, gleich aufzählt: Termine mit der Lokalpresse, Lesung in der Buchhandlung, Bühnenprobe. Schon kurz nach der Ankunft schieben sich Erinnerungsfetzen in die Erzählung, Rückblenden ins Jahr 1984, als ­Stéphane Schüler am hiesigen Gymnasium war, schon mit 17 unverkennbar der stille Nerd mit Brille. Der Junge, den er heimlich anhimmelt, steckt ihm eines Tages einen Zettel zu, nach dem Unterricht treffen sie sich auf dem leeren Sportplatz, Thomas ­(Julien De Saint Jean) fragt ihn, nervös an der Zigarette ziehend: »Du magst mich?« Kurz darauf fallen sie ungestüm leidenschaftlich übereinander her. Wissen darf davon niemand, sie treffen sich nur heimlich, mal am See, mal in Stéphanes Jugendzimmer, wenn die Eltern nicht da sind. 

Einzelne Szenen aus dieser Vergangenheit tauchen immer wieder auf, während der nun Anfang 50-Jährige als berühmter Sohn des Orts hofiert wird. Als er im Hof des Weinguts ein altes Motorrad mit knallblauem Sattel entdeckt, tritt ein junger Mann, Lucas (Victor Belmondo, Enkel von Jean-Paul), auf ihn zu und erklärt freundlich, das habe seinem Vater gehört. Als er später dessen Nachnamen erfährt, erkennt Stéphane in ihm den Sohn seiner Jugendliebe. Die Begegnung lässt aus einem wenig bewussten Wunsch, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen, eine sehr emotionale Erinnerungsarbeit werden. Stéphane öffnet sich nach all der Zeit dafür und versteckt sich nicht länger hinter seinen melodramatischen Romanheldinnen, die auffällig oft an unerreichbaren Liebhabern namens Thomas leiden.

Das französische Liebesdrama von Olivier Peyon ist eine Adaption des gleichnamigen Bestsellerromans von Philippe Besson, der darin sehr berührend eigene Erlebnisse fiktionalisiert hat. Der Titel »Hör auf zu lügen« bezieht sich auf Stéphanes Mutter, die das fantasiebegabte Kind schon früh zur Mäßigung ermahnte. Das Verhältnis von Wahrheit und Lüge in der Fiktion lotet auch der Film aus; nicht immer sehr subtil, und so manche Metapher über Tradition und Zeitläufte scheint überdeutlich. Aber Schicht für Schicht schält sich heraus, wie sehr dieser Thomas Wunden hinterlassen hat, bei seiner Jugendliebe und später bei seinem Sohn, aus deren Leben er jeweils verschwunden war, ohne Erklärung, ohne Abschied. Und wie viel Schmerz diese Scham verursacht hat bei beiden Männern. Die langsame Annäherung der zwei Verlassenen hilft ihnen, zumindest ein Stück weit, Frieden schließen zu können. Hinter den Geschichten, die wir uns zurechtlegen, steckt oft eine Wahrheit, die wehtut. Stéphane hat als Autor dafür die Worte gefunden, die Thomas ein Leben lang fehlten. Und damit etwas geschaffen, das anderen Trost wurde.

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