Kritik zu Hochzeitspolka

© X-Verleih

Nach der italienisch-deutschen Culture-Clash-Komödie »Maria, ihm schmeckt's nicht!« tanzt Christian Ulmen in Lars Jessens (»Am Tag als Bobby Ewing starb«) neuem Film nun auf einer polnisch-deutschen Hochzeit

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Hochzeiten sind nicht nur im Film oft der Gipfel der Peinlichkeit. Denn es treff en sich meist auch Menschen, die durch alten Grimm miteinander verbunden sind und zugunsten der Harmonie des Festes über ihren Schatten springen müssen. Die Selbstkontrolle wird jedoch durch die auf Familienfeiern üblichen Besäufnisse zunehmend erschwert. Hat man Glück, so dampfen die entfesselten Emotionen mit dem Kater wieder auf sozialverträgliches Maß ein. Diese paradoxe Situation, die sich nach Belieben von Familien auf Völker ausweiten lässt, steht auch im Zentrum von Lars Jessens Komödie. Der Kieler Regisseur hat sich bereits in »Der Tag als Bobby Ewing starb« und »Dorf-Punks« als begabter Heimatfilmer bewiesen. Das Dorf lässt ihn auch in seinem neuen Film nicht los, in dem der Sänger einer lokalen Rockband sich dazu entschließt, seriös zu werden und im hintersten Polen die Fabrik des Vaters eines Bandkollegen zu leiten. Nach einem Zeitsprung von drei Jahren taucht, am Vorabend von Frieders Hochzeit mit der schönen Gosia (gut: Nachwuchsstar Katarzyna Maciąg), seine Vergangenheit auf: seine Band, die erwartungsgemäß die Feierlichkeiten aufmischt.

Dabei geht es mindestens so sehr darum, dass Frieder aus der Sicht neidischer Kumpel zum »Spießer« geworden ist, wie um die Ressentiments zwischen Polen und Deutschen. Würde letzteres nicht zur Verschärfung der Situation beitragen, so fühlte man sich dank der Déjà-Vus leerer Landstraßen und gelangweilter Dorfjugend samt Dorfdepp – hier der Totengräber – wie in einem westdeutschen Achtzigerjahre-Kaff. Zunächst also muss Frieder, der Hauptarbeitgeber im Ort, eine respektable Figur machen, damit seine Freundin, ihre Verwandten, und die streikfreudigen Arbeiter, denen er die Wahrheit über den Standort verschweigt, bei der Stange bleiben. Seine alte Clique erschüttert aber nicht nur sein Langweiler-Image – Running Gag wird Frieders Coverversion des Tote-Hosen-Hits »Eisgekühlter Bommerlunder« – ,sondern lässt auf der feuchtfröhlichen Feier die schwelenden Animositäten ausbrechen.

Das ist besonders im letzten Filmdrittel viel zu dick aufgetragen. Wie schwer es Jessen fällt, das Echo der bösen alten Zeit ins Heute zu übertragen, demonstriert auch Frieders misstrauischer Vater. Die biederen Eltern mit der ständigen Angst ums Auto sorgen zwar für Pointen, sind aber allzu gestrig; dass Frieders Erzeuger so tut, als habe er den Krieg mitgemacht, kann nach Adam Riese nicht stimmen.

Wenn sich Jessen aber auf das Dorfleben mit Konventionen und Getuschel, auf das Feiern, das nur dann gelungen ist, wenn Dinge passieren, von denen noch Generationen erzählen werden, konzentriert, besticht die Komödie durch Situationskomik. Christian Ulmen spielt hier nach »Herr Lehmann« seine beste Rolle und hält die holprige Geschichte mit seinem lädierten Charme zusammen

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns