Kritik zu A History of Violence

© Warner Bros.

"Einmal rief mich ein amerikanischer Kritiker an, der mir sagte: 'Für einen Amerikaner sind Ihre Filme wie ein seltsamer Traum. Die Straßen wirken amerikanisch, sind es aber nicht. Die Personen sehen aus wie Amerikaner, sind aber keine. Sie sprechen wie Amerikaner und sprechen doch anders.'" Cronenbergs neuer Film, der mit Gewalt und Familie gleich zwei uramerikanische Themen aufgreift, verdichtet diesen seltsamen Traum zum Albtraum

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Aus einem Motel, das wie auf einem Bild von Edward Hopper wirkt, kommen zwei übel gelaunte Natural Born Killers. Leichen pflastern ihren Weg, auf dem einer der beiden, um eine lästige Mordzeugin zu beseitigen, quasi zum Frühstück eiskalt ein kleines Mädchen erschießt. Doch wie in Spiel mir das Lied vom Tod, wo Henry Fonda im ersten Teil ein Kind tötet, stellt auch David Cronenberg diesen Tabubruch nur elliptisch dar: Wenn wir den Schuss hören, befinden wir uns nach einem harten Schnitt bereits in einer anderen Szene - und sehen, wie ein gleichaltriges Mädchen aus einem Albtraum hochschreckt. Der Augenblick größtmöglicher Brutalität verschmilzt so auf fatale Weise mit der Geborgenheit einer Bilderbuchfamilie. Der ältere Bruder, die Mutter und der Vater kümmern sich so übertrieben rührend um die kleine Sarah, dass es Steven Spielberg, der für seine problematischen Familienporträts berüchtigt ist, hier unmittelbar die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. 

Der Zuschauer weiß, ohne es zu wissen, dass die kleine Sarah aus ihrem Albtraum nicht erwacht ist, wenn nun ihr Vater Tom Stall, braver Betreiber eines Coffeshops in einer Kleinstadt des Mittelwestens, sein Tagewerk beginnt. Mit wenigen Pinselstrichen tupft Cronenberg ein in frühherbstlichen Rottönen gefärbtes Postkartenidyll hin. Dank der betont ruhigen Kameraführung und der Musik von Howard Shore, die zusammen mit der Präsenz des Hauptdarstellers Viggo Mortensen unweigerlich an die Herr der Ringe-Filme erinnert, wähnt der Betrachter sich emotional eher in Auenland als in Michael Moores Amerika der Handfeuerwaffen.

Die Stimmung kippt erneut, wenn die beiden mordlüsternen Killer in eindeutiger Absicht Toms Laden betreten. Doch ehe die sadistischen Unholde sich's versehen, verwandelt Tom sich in eine Art Bruce Lee, überwältigt die beiden - und wird frenetisch gefeiert von der Presse, die auf nichts anderes gewartet hat als auf solch einen provinziellen "Superman". Obwohl Tom nur tat, "was getan werden musste", wird er zum Fremdkörper. Seine Frau, die im Haus qua Job - sie ist Rechtsanwältin - und überhaupt die Hosen anhat, findet es buchstäblich zum Kotzen, dass an ihrem Mann nach 20 Ehejahren nicht einmal der Name authentisch ist ("it was available"). Wer Tom wirklich ist, bleibt im Dunkeln: Die übliche Geschichte des Mannes, der von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt wird und zwecks Läuterung nun seine mörderischen "Fähigkeiten" für den berühmten letzten Job einsetzen muss, wird von Cronenberg perfekt unterlaufen. Toms eigentliche Motive werden umso unfassbarer, je einfühlsamer und psychologisch glaubwürdiger Viggo Mortensen diesen liebe- und verantwortungsvollen Familienvater Szene für Szene spielt.

Dieses Paradox ist charakteristisch für das Universum David Cronenbergs. Seine Helden sind Außenseiter, die dank ihrer hybriden "Genialität" als mad scientists mit Mitteln der Medizin, Wissenschaft oder Drogen nach Patentlösungen für Probleme unserer Welt suchen. Je technisch perfekter dies gelingt, desto grauenhafter sind die Nebenwirkungen in Form von Epidemien, Mutationen und fatalen Kettenreaktionen. Mit wissenschaftlicher Folgerichtigkeit wird so die Ausnahme zum Normalzustand - auch in A History of Violence, wo plötzlich Schurken in einer schwarzen Limousine auftauchen, die Tom zu immer neuen "Heldentaten" nötigen ...

A History of Violence ist neben der Stephen-King-Adaption Dead Zone die konventionellste Arbeit des Kanadiers, aber sie geht, wie jeder Cronenberg-Film, unter die Haut. Obwohl die Geschichte auf einem Comic-Roman basiert, wirkt sie weit weniger comicartig als die postmodernen Gewaltopern von Lynch, Tarantino oder Fincher, wo die Gewalt ein Sujet ohne wirkliches Subjekt ist. Denn Cronenberg lotet das Innere seiner Figuren akribisch aus. Sohn Jack, der eben noch gegenüber einem tumben Highschool-Schläger mit vorbildlicher Rhetorik Gewaltverzicht demonstrierte, muss den Vater mit der Schrotflinte retten. Und Gattin Edie, glänzend gespielt von Maria Bello, muss für ihren Mann zunächst lügen und schließlich spüren, dass der Killer-Appeal ihres Gatten auch das Sexleben auf nicht nur angenehme Weise stimuliert ...

Die unumkehrbare Kettenreaktion der Gewalt höhlt Toms Familie aus, ohne sie zu zerstören. Während andere Männer mal verschwinden, um ein Bier zu trinken, verarbeitet Tom fiese Finsterlinge zu Hackfleisch. Und wenn er am Ende nach Hause kommt, serviert seine Frau den dazu passenden Hackbraten. Die dialoglose Schluss-Szene, in der Tochter Sarah ihrem Vater den Platz am Familientisch zuweist, trifft den Zuschauer wie ein Hieb in die Magengrube, weil Gewalt sich tatsächlich als probates Mittel zur Konfliktlösung und zum Schutz erweist. Das ist grauenvoller, als wenn die Familie gemeuchelt und Tom wie in Ein Mann sieht rot zur Rache schreiten würde.

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