Kritik zu Hereafter – Das Leben danach

© Warner Bros.

Clint Eastwood auf spekulativem Terrain: Drei Protagonisten, konfrontiert mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit, suchen nach Antworten auf die letzten Fragen

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Es ist wohl naheliegend, dass ein 80-jähriger Regisseur sich auch filmisch mit dem Tod und der Möglichkeit eines Danach auseinandersetzt – selbst wenn dieser 80-jährige Clint Eastwood ist, dem man bisher kaum eine Schwäche für Spökenkiekerei nachsagen konnte. Mit »Hereafter« hat er sich nun tatsächlich dem Jenseits gewidmet. Sein Versuch allerdings, bei diesem künstlerisch riskanten Thema die delikate Balance zwischen Möglichkeit und Behauptung zu halten, ist nicht ganz geglückt.

Was er aber nicht verlernt hat, ist seine erzählerische Ruhe und stilistische Zurückhaltung. Und so konzentrieren er und sein Drehbuchautor Peter Morgan (»The Queen«, »Frost/Nixon«) sich zunächst ganz diesseitig auf drei sehr verschiedene Menschen und ihre Schicksale, die sie parallel schildern, aber über die meisten der 129 Minuten nicht verknüpfen: Da ist die französische Fernsehjournalistin Marie (Cécile de France), die in Indonesien den Tsunami von 2004 nur knapp überlebt – die packende Anfangssequenz des Films. Marie wird von der Flutwelle mitgerissen und schwebt minutenlang zwischen Leben und Tod, wobei sie Visionen hat, die sie auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich nicht mehr loslassen. Dann ist da der Amerikaner George (Matt Damon), der unter seiner medialen Begabung leidet, sie längst als Fluch empfindet, weil sie jede normale Beziehung gefährdet. Auch seine bezaubernde Kochkursbekanntschaft Melanie (Bryce Dallas Howard) vertreibt er damit. Und schließlich ist da noch der Schuljunge Marcus, Spross einer Londoner Unterschichtfamilie, der seinen über alles geliebten Zwillingsbruder Jason verliert. Verzweifelt sucht er einen Weg, mit dem Verlust umzugehen, und gerät dabei an allerlei Scharlatane.

Aus jeder einzelnen dieser drei Geschichten hätte durchaus ein eigenständiger Film werden können – vielleicht wären es drei viel stärkere Filme geworden. Denn in jeder Teilhandlung stecken spannende Fragen; jede lässt zunächst mehr oder weniger offen, ob das Jenseits jeweils nur eine Projektion der Lebenden ist oder eine eigenständige Realität. Auch die Nahtodvisionen von Marie könnten ebenso gut Gaukeleien des menschlichen Gehirns vor dem Erlöschen sein. Dementsprechend fallen die wenigen visuellen Eindrücke von der anderen Seite nicht sonderlich spektakulär aus, sie vollziehen lediglich altbekannte Motive nach: ein Tunnel mit gleißendem Licht, Silhouetten, die sich nähern, etc.

Über weite Strecken wirkt »Hereafter«, als würde er sich jede große esoterische Geste verkneifen, um nicht allzu angreifbar zu sein und nicht in den Ruch der puren »Mystery« zu geraten. Doch dann scheint die Kontrolle über die eine und andere Argumentationskette zu entgleiten, so dass das eindeutig Übernatürliche einspringen muss. Verschwiemelte Antworten auf kluge Fragen bleiben uns da leider nicht erspart. Eine besonders undankbare Rolle fällt Marthe Keller zu, die als Leiterin eines Hospizes der ratsuchenden Marie erklärt, dass Nahtoderlebnisse eindeutige und von der Wissenschaft nur unterdrückte Beweise für die Existenz des Jenseits seien, und zwar »absolut zweifelsfrei!« Aha! Marie schreibt also einen Bestseller mit dem Titel »Hereafter«, der auf angeblich bahnbrechende Weise mit dem Tabu des Übersinnlichen bricht. Mit anderen Worten: eine von jährlich tausenden Schwarten, die ähnliche esoterische »Aufklärung« betreiben.

Gänzlich kontextfrei und letztlich geschmacklos werden auch noch die Londoner Terroranschläge vom Juli 2005 verbraten, die der kleine Marcus knapp überlebt. Und wenn sich die Wege der drei Sinnsucher dann wundersam kreuzen, sind daran indirekt auch Charles Dickens und der – zum Glück lebende! – große Schauspieler Derek Jacobi schuld.

Auch ein paar ironische Dialoge retten da leider nicht mehr viel: »Hereafter« zwingt seine drei Handlungen krampfhaft zusammen, schleift sie durch höheren Blödsinn und steht am Ende knietief im Esokitsch. Das Jenseits und die Toten erfüllen dabei wie gehabt nur die sehr diesseitige Funktion, den Lebenden die Angst zu nehmen und beim Leben zu helfen. Ein wirklich kluger Film müsste auch diesen Aspekt hinterfragen, statt unsere Sentimentalität zu füttern.

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