Kritik zu Heimatland

© Arsenal Filmverleih

Der Heimatfilm ist schon lange keine Bezeichnung für plumpen Kitsch mehr. Ein Schweizer Regiekollektiv macht daraus eine erschreckende Dystopie, die trotz Episodenstruktur nicht auseinanderfällt

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Die Schweiz ist das Land der friedfertigen Bergidylle, wo Schokolade und Käse fließen, und sei es nur im Fondue, ein Land, das sich zweifelsfrei als Hort von Gleichberechtigung und Freiheit zu präsentieren versteht. So der Hochglanzreisekatalog. Von innen freilich sieht es ganz anders aus. Da sind die Berge auch Hindernisse, der Schweizer an sich ist nicht nur reich, sondern auch spießig, engstirnig – und verhalten rassistisch. Über dieser Schweiz bildet sich nun in »Heimatland« eine merkwürdige Wolke. Sie ist düster, elektromagnetisch aufgeladen und endet unerklärlicherweise an den Grenzen zum europäischen Ausland. Ein Sturm von ungeahnten Ausmaßen wird vorhergesagt, langsam wächst die Panik beim Volk. Eine immense Ausreisewelle ist die Folge. Hunderttausende machen sich teils zu Fuß, teils im Auto vor allem Richtung Norden auf, solange die Straßen noch frei sind. Bis Deutschland im Namen der EU die Grenze schließt.

Die Figuren, die in diesem Film auftreten, sind so vielfältig wie nötig, um repräsentativ zu sein. Da ist der reiche Mann im Taxi, der Geld genug hat, die ganze Welt zu bestechen, sich im Laufe seiner Fahrt an die Grenze aber zunehmend radikalisiert. Der jugoslawische Taxifahrer steuert sein Auto geduldig und schweigsam, bis der Verkehr zum Erliegen kommt. Eine Gruppe Rechtsradikaler beginnt sich zu bewaffnen, nachdem den aufpeitschenden Reden nichts mehr hinzuzufügen ist. Eine Versicherungsgesellschaft macht sich vor allem Sorgen um die staatliche Hilfe beim ultimativen Schadensfall, während eine Gruppe Anti­nationaler eine archaische Weltuntergangsorgie feiert. Fußballfans verlassen friedlich das Stadion, als der Strom ausfällt, wogegen die Massen zu irrationalen Hamsterkäufen aufbrechen. Und ein zerstrittenes Paar beschließt schlicht, mitten im Sturm noch einmal zusammen zu schlafen. Aber nicht mal das klappt, so dystopisch ist dieser Film, der auf avancierte Weise mit einem längst überkommenen Schweizbild abrechnet.

Jan Gassmann und Michael Krummen­acher haben zehn junge Autorenfilmer und -filmerinnen aus der West- und Deutschschweiz zusammengebracht und einen erstaunlichen Film erstellt. Die dunkle Stimmung ist das einzig Verbindende – und doch sieht der Film homogen und einheitlich aus. Im Schnitt entsteht eine Mentalität, eine Charakteristik, äußerst subjektiv und doch glaubhaft und überzeugend. Sie wollten weder neutral noch demokratisch oder repräsentativ sein, sagen die Filmemacher, dafür umso selbstkritischer. Diese Haltung zeichnet den Film aus. Er nutzt die Ellipse, die Andeutung und das Fragment für sein Narrativ, um Gegensätze zu vereinen und Fragen aufzuwerfen. In der unmittelbaren Bedrohung zeigt sich das, was gesellschaftlich oft versteckt bleibt. Zwischen Aufgeben und dem »Jetzt geht's los« eines wie auch immer gerichteten Aufbruchs gibt es zahllose Reaktionen, die hier in ihrer Vielfalt angedeutet werden. Nicht zuletzt aufgrund seiner überzeugenden Fantasie mangelt es dem Film nicht an Komplexität.

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