Kritik zu In the Heights

© Warner Bros. Pictures

Dreizehn Jahre nach seiner Premiere auf dem Broadway kommt Lin-Manuel Mirandas erster großer Musicalerfolg ins Kino: Jon M. Chu (»Crazy Rich«) führte Regie

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Fällt der Name Lin-Manuel Miranda, dann wird im gleichen Atemzug meistens auch »Hamilton« genannt, das von ihm geschriebene Musical, das ab 2015 eine ziemlich beispiellose Erfolgsgeschichte hinlegte. Doch der New Yorker, der seither auch über Broadway-Kreise hinaus als Star gilt, in Filmen wie »Mary Poppins' Rückkehr« genauso mitspielte wie in der Serie »His Dark Materials« und einen oscarnominierten Song für den Animationsfilmerfolg »Vaiana« schrieb, war auch schon vorher kein Unbekannter. Bereits aus dem Jahr 2008 stammt sein erstes Musical »In the Heights«, das damals mehrere Tony Awards sowie den Grammy gewann und nun auch für die Leinwand adaptiert wurde.

Am Film war Miranda vor allem als Produzent beteiligt, während das Skript von seiner Broadway-Mitstreiterin Quiara Alegría Hudes stammt und die Regie von Jon M. Chu (»Crazy Rich Asians«) übernommen wurde. Trotzdem ist es nicht verkehrt, »In the Heights« als Mirandas Werk zu betrachten: Das Herzstück des Films sind nämlich ohne jeden Zweifel die von ihm geschriebenen Songs, darunter mit »Home All Summer« auch einer, der eigens für die Leinwandfassung komponiert wurde.

Der zweite elementare Bestandteil dieser Geschichte ist das Setting, genauer gesagt: das titelgebende New Yorker Stadtviertel. Washington Heights liegt ganz im Norden von Manhattan, wo der Times Square zwar nur eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt ist, aber doch wie in einer ganz anderen Welt erscheint. Über 70 Prozent der Bevölkerung hier sind hispanischer Abstammung; nicht wenige stammen aus der Dominikanischen Republik. So wie Usnavi (Anthony Ramos), der einen jener Bodega genannten und an jeder Ecke zu findenden Gemischtwarenläden betreibt, aber eigentlich davon träumt, in die alte Heimat seines Vaters zurückzukehren und eine Strandbar zu eröffnen.

Mit etwas Glück – der Lotto-Jackpot liegt bei 96 000 Dollar! – könnte dies sein letzter Sommer in den USA sein. Doch bis es wirklich so weit ist, stehen noch einige heiße Wochen an, in denen Usnavi der angehenden Modedesignerin Vanessa (Melissa Barrera) seine Liebe gestehen und sich um die Zukunft seines Cousins und Mitarbeiters Sonny (Gregory Diaz IV.) kümmern will. Sein bester Freund (Corey Hawkins) schwärmt derweil nach wie vor von der Tochter (Leslie Grace) seines Bosses (Jimmy Smits). Und dann ist da noch Abuela Claudia (Olga Merediz), die Nachbarschaftsmatriarchin, deren Apartment ein Dreh- und Angelpunkt im Viertel ist.

Allzu viel Plot ist das nicht, und tatsächlich ist der Mangel an Handlung eine der kleineren Schwächen von »In the Heights«. Man muss schon etwas übrig haben für Tanz und Gesang, wenn man an diesem Film seine Freude haben möchte. Denn auch wenn Mirandas Songs bisweilen auf ihre Broadwaypoppige Art, mit ihren Latinorhythmen und den wortspielerischen Texten ein bisschen austauschbar klingen, überzeugt der Film als Leinwandmusical mehr als vergleichbare Produktionen der letzten Zeit. Dass hier bei der Besetzung weniger auf prominente Gesichter als auf Musicaltalent gesetzt wurde, ist ein enormes Plus, und mit der aufwendigen Freibad-Choreografie zu »96 000« und dem berührenden Stück »Patiencia y fe« sind mindestens zwei Nummern wirklich großes Kino.

Anthony Ramos, der zum »Hamilton«-Ensemble gehörte, ist ein ungemein einnehmender Protagonist, auch dem Rest des fast ausschließlich aus Latinoschauspieler:innen bestehenden Casts ist die Spielfreude anzumerken. Und Chu, der seine Karriere mit Tanzfilmen wie »Step up to the Streets« begann, versteht sich auf Authentizität nicht nur bei der Besetzung, sondern auch wenn es darum geht, die ausgelassene Lebendigkeit, die im Hochsommer auf New Yorker Straßen herrschen kann, auf ein Musicalniveau zu überhöhen. Das Ergebnis ist ein mitreißendes Kinoerlebnis.

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