Kritik zu Heidi

© Studiocanal

Das berühmteste Mädchen der Schweiz erlebt bei Regisseur Alain Gsponer eine schroffe Renaissance. Bruno Ganz ist dabei als kantig-wortkarger Almöhi in alpinen Höhen zu sehen

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Die Wahrnehmung der Schweiz wurde in den vergangenen Jahrzehnten durch eine Handvoll Mythen genährt: die Berge, löchriger Käse, knackige Schokolade und Roger Federer, den besten Tennisspieler aller Zeiten. Jetzt wird die Geschichte einer weiteren Nationalheldin reaktiviert. Und ja, ihre Welt sind natürlich immer noch die Berge.

Heidi, wilde wie brave Neunjährige, erfährt bei Regisseur Alain Gsponer (»Das kleine Gespenst«) eine interessante Renaissance, weil hier bewusst auf den betulichen Gestus verzichtet wird, der gerade deutschen Kinderhelden im Kino häufig anhaftet. Die Titelheldin (Anuk Steffen) ist zwar knopfäugig und liebenswürdig, aber auch ungewaschen und freiheitsliebend. Eher zerzaustes Wolfskind aus den Bergen von Graubünden als reinheitsliebendes Mädchen mit Kulleraugen, wie man sie noch aus der weltbekannten Anime-Serie von Hayao Miyazaki in Erinnerung hat. Passend zur optischen Wahrnehmung ist auch der Tenor des Films: schroff, ungezügelt, mitunter hart. Von der verklärenden Romantisierung der Schweizer Alpen bleibt dem Kinopublikum zunächst nur knapp eine Viertelstunde. Man lernt den großartigen Bruno Ganz als verzottelten Einsiedler Almöhi kennen, der seiner Enkelin gegen den eigenen Willen neue Obhut anbieten muss. Kaum beginnt die fröstelnde Zweckgemeinschaft aufzutauen,

Gerade das Motiv des Heim- und Fernwehs reizt der Film brutal aus: Ganz jungen Kinobesuchern unter sechs Jahren sei dieser Film daher nicht empfohlen; er könnte verstörend, sogar schockierend auf sie wirken. Das ältere und erwachsene Publikum kann diesen scharfen Ecken und Kanten aber etwas abgewinnen, was nicht zuletzt an den formidablen Nebendarstellern liegt, etwa Peter Lohmeyer als Hausdiener Sebastian, Maxim Mehmet als dandyesker Familienvater oder Hannelore Hoger als milde Großmutter. Und Bruno Ganz stellt hier alles andere als den putzigen Wohlfühlopa dar. Gemeinsam mit Geißenpeter (Quirin Agrippi) verkörpern die beiden einen mitunter stumpfen und wortkargen Bauerntypus, der alles andere als romantisierend wirkt. Gemessen an den beiden Buchvorlagen »Heidis Lehr- und Wanderjahre« und »Heidi kann brauchen, was es gelernt hat« von 1879 und 1880 reflektieren sie aber wohl am besten den Charakter der damaligen Bergbevölkerung Graubündens.wird das Mädchen aber von der Tante nach Frankfurt verkauft. Dort soll sie der kränkelnden Klara (Isabelle Ottmann) Gesellschaft leisten, die an ihren Rollstuhl gefesselt ist. Und wie auch im Bestseller von Johanna Spyri prallen natürlich zwei Welten aufeinander: Hier das gehobene Bürgertum des deutschen Kaiserreichs, das durch Wohlstand, Etikette und strengen Gehorsam fast schon perverse Ausmaße annimmt, dort das freiheitsliebende Mädchen, das in der Enge seines neuen Zuhauses zu ersticken droht. Vor allem das garstige Kindermädchen Fräulein Rottenmeier (hervorragend: Katharina Schüttler) wird hier zum Symbol germanischer Härte, in der man auch prä-faschistoide Züge erkennen mag.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ja. Das Gute vorweg. Super Bilder, super Landschaft, super Köpfe, vor allem Heidi und Klara. Die Drehorte sind sensationell gewählt und Kameraführung hochprofessionell.
Und nun das Audio? Besser als Stummfilm schauen. Miserable Texte. Musik nur modern, kein bisschen romantisch, kein bisschen volkstümlich ausser am Schluss, dann aber nicht Schweizer Volksmusik, sondern irgend ein Allerweltsstil. Wenn wenigstens etwas Archaisches drin wäre, eine selbstgemachte Holzposaune, Trömmelchen oder das für alles herhaltende Digeridoo. Nichts. Auch die konkrete Detail-Handlung in den Szenen und die Nebenhandlungen, soweit man sie hört. Mit Wehmut denkt man an die Heidi-Folgen von 1978 mit der beswingten Älplermelodie, den alten Heidi-Film 1952 mit den authentischen Charakteren, Heidi von 1965 und sogar an den süsslichen und verträumten 1938er Film mit dem Hippie-Öhi in Frankfurt und der weihnächtlichen Geiselnahme, die mussten auch alle der Kürze halber die Handlung abändern, aber hatten anständige Dialoge, Monologe und Musik.
Fazit: Zum Schauen super, zum Hören eine Nullnummer.

Wie kann man so eine Scheisse drehen? Was nützt mir die beste Alpen-Kulisse, wenn mein Kind garnichts und ich selbst mit Mühe und Not etwa 30 % von all der Konversation verstehe? War es so schwierig den Film auf hochdeutsch zu drehen bzw. zu synchronisieren? Dickes Minus

Und ich dachte schon ich bin die einzige der es so geht, weil man in keiner Rezension/Kritik was davon liest, dass 70% der Dialoge auf Schweizerdeutsch sind...

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