Kritik zu Gute Manieren

© Salzgeber

Künstlichkeit als Wahrheit: Juliana Rojas und Marco Dutra vermischen in ihrem Horrormärchen um einen Werwolfjungen und seine beiden Mütter auf wunderbar leichthändige Weise Politisches und Poetisches

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Der Blick aus Anas Appartement über das nächtliche São Paulo ist atemberaubend. Die moderne Skyline mit ihren Glas- und Stahltürmen zeichnet sich auf malerische Weise vor dem nachtblauen, von einem gelblich schimmernden Vollmond erleuchteten Nachthimmel ab. Die Szenerie wirkt unwirklich, erhält aber dadurch eine ungeheure Wirkung. Die Metropole wird zu einem märchenhaften Ort, an dem alles möglich ist. Magische Einstellungen wie diese sind aus dem Kino nahezu verschwunden. Sie gehören einer Zeit an, als Filmemachern weder digitale Kameras noch digitale Manipulationsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Doch die alte Technik, matte paintings für Bildhintergründe zu verwenden, hat nichts von ihrem Reiz verloren. Wenn das brasilianische Regie- und Drehbuchduo Juliana Rojas und Marco Dutra auf diese gemalten Prospekte setzt, feiert es das Künst­liche als Reich einer tieferen Wahrheit.

Die beiden Frauen, die diese Aussicht gemeinsam genießen, dürften eigentlich gar nicht zusammen sein. Die dunkelhäutige Clara (Isabél Zuaa) aus der Favela und die weiße Ana (Marjorie Estiano) repräsentieren zwei strikt getrennte Welten. Aber in der Wohnung der Tochter eines reichen Gutsbesitzers verlieren die Grenzen, die das Leben in Brasilien bestimmen, ihre Bedeutung.

Clara kommt zwar als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu Ana, die von ihrer Familie aufgrund ihrer Affäre mit einem Unbekannten in den goldenen Käfig des Appartements hoch über São Paulo verstoßen wurde, wird aber bald zu ihrer Freundin und schließlich sogar zu ihrer Geliebten. Nur währt das revolutionäre Glück der beiden Frauen nicht lange. Grenzen sind dafür da, überschritten zu werden. Das ist zumindest Juliana Rojas' und Marco Dutras Haltung. Also brechen auch sie ständig ästhetische und erzählerische Konventionen. »Gute Manieren« ist ein durchaus realistisches Porträt einer erstarrten Gesellschaft, in der die Menschen gezwungen werden, auf ihrem »angestammten« Platz zu bleiben. Auf der anderen Seite erzählen die beiden Filmemacher ein klassisches Märchen für Erwachsene. 

Als Geschöpf einer weiteren Grenzüberschreitung wird Anas bald geborener Sohn, der kleine Werwolf Joel (Miguel Lobo), zu einem Stachel im Fleisch der brasilianischen Gesellschaft. Das Mutter-Sohn-Drama, in das sich Juliana Rojas' und Marco Dutras Film in seiner zweiten Hälfte verwandelt, erweist sich damit als ähnlich radikal und subversiv wie die Liebesgeschichte zwischen Ana und Clara im ersten Teil. Aber die beiden Filmemacher rücken das Politische nie in den ­Vordergrund. Die Sprengkraft, die in »Gute Manieren« liegt, kommt erst im Rückblick zur vollen Entfaltung. Zunächst ver­zaubern einen die traumhaften Bildkompositionen, die im Stil der 1940er Jahre Noir- und Horrorfilme ausgeleuchtet sind und mit ihren leuchtenden Farben eine märchen­hafte ­Stimmung schaffen. Sie schlagen den Betrachter in ihren Bann und entführen ihn in eine Welt, in der Außenseiter und Monster zu tragischen Helden einer anderen Wahrheit werden.

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