Kritik zu Großstadtklein

© Warner Bros.

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe und einer merkwürdigen Familie in einer wohlbekannten deutschen Hauptstadt: eine deutsche Komödie im Balanceakt zwischen Slapstick, Romance und »street credibility«

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Jacob Matschenz ist nach zwei Dutzend Kinofilmen in der ersten Reihe deutscher Schauspieler angekommen. Er kann wild und böse sein, dämonisch besessen oder, wie hier, zärtlich verliebt. Seine Figur Ole lebt auf dem Land in Mecklenburg, und entwächst gerade einer typischen Jugend der Ereignislosigkeit, deren Höhepunkte sich auf Motorradrennen im heimischen Forst beschränken. Zum Praktikum geht er nach Berlin und wohnt bei seinem Cousin. Die Familie – einst hatten zwei Brüder zwei Schwestern geheiratet – ist hoffnungslos zerstritten. Der Rest ist Filmgeschichte. Am Schluss stehen Liebe, Versöhnung und ein gebrochenes Bein.

Grossstadtklein lebt von den Kleinigkeiten. Von hübschen Szenen, netten Momenten und kleinen bissigen Einfällen. Von einem Spanner, der sich von kopulierenden Wildschweinen erregen lässt; von einer Frau, die Bindungen scheut und deshalb gleich mehrere auf einmal eingeht; von einem coolen und einem spießigen Vater und ein paar schrägen Freunden, denen die Schwalbe, frisiert oder unfrisiert, über alles geht. Es ist ein Film, der es schafft, die Balance zu halten. Nie geht er über die Peinlichkeitsgrenzen hinaus, selbst wenn es schlüpfrig oder absurd wird. Wenn die Schwalbe im heimischen Wohnzimmer repariert wird und die Abgase den Blick auf die dekorativen Filmplakate an der Wand vernebeln, dann steckt da immer auch etwas mehr drin, als nur die rein handlungsbezogene szenische Lösung.

Til Schweiger und Tom Zickler haben diesen Film für Tobias Wiemann produziert, der in Schweigers Firma Barefoot Films, so die Homepage, dafür zuständig ist, »Wiemann Filme macht«. Barefoot Films wurde nun Mr. Brown Entertainment – ein Schelm, wer da an Quentin Tarantino denkt. Aber die Routine bleibt spürbar. Sicher, Wiemann hat schon eine ganze Reihe hochgelobter Kurzfilme gedreht, es ist aber die Handschrift der Produzenten, die sich in Grossstadtklein bemerkbar macht. Filme wie Friendship, Jetzt oder nie oder Knockin´on Heaven´s Door stehen nicht zufällig in der Reihe vor diesem Debüt. Natürlich hätte Grossstadtklein auch ein untertouriger, dreckiger Film werden können, mit kleinem Budget und improvisierten Sets. Doch die Routine erschlägt die Geschichte nicht. Bei aller spürbaren Inszenierung ist sie glaubwürdig und mitreißend. Und das liegt nicht nur an der Musik. Es liegt vor allem daran, dass die Variation des Themas funktioniert. Das Universelle eines Jugendlichen im Aufbruch wird auf das Persönliche runtergebrochen und bleibt doch allgemein nachvollziehbar. So wird der ländliche deutsche Raum exportierbar, zuerst nach Berlin und anderswo, dann in die ganze Welt. Mit solchen Filmen, die weder mit einer wilden Materialschlacht auftrumpfen, noch aussehen wie ein ambitioniertes Amateurvideo, festigt Deutschland seinen Ruf als Land, in dem spannendes Autorenkino entsteht. Was allerdings fehlt, und jetzt zunehmend gemacht wird, ist die Sorte Film, bei der man sich nicht unter Niveau amüsiert, und die dennoch zur Massenunterhaltung taugt. Dass das immer wieder gerade Regiedebütanten gelingt, scheint wenig verwunderlich.

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