Kritik zu Grenzgänger

© Thimfilm

2012
Original-Titel: 
Grenzgänger
Filmstart in Deutschland: 
12.09.2013
L: 
85 Min
FSK: 
12

Zwei Männer, eine Frau – mehr muss man zu Florian Flickers (Suzie Washington, Der Überfall) neuem Film eigentlich kaum wissen. Dann stellt sich heraus, dass die Hauptrolle eigentlich die Landschaft spielt

Bewertung: 3
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Die Geschichte habe inzwischen Gras darüber wachsen lassen, heißt es zu Beginn so lakonisch wie poetisch. Gemeint ist die Tatsache, dass Österreichs Grenze einmal den Westen vom Osten trennte. Man hat das Gefühl, das sei lange her, dabei war die Zeit erst 2004 vorbei, mit dem Beitritt von Tschechien, der Slowakei und Slowenien zur Europäischen Union. Florian Flicker lässt seinen Film im Sommer 2001 spielen, doch so wie er die verlassene Flußlandschaft inszeniert, in ihrer Trägheit und Verwunschenheit, könnte dieses 2001 auch 1914 sein, das Entstehungsjahr der Vorlage, Karl Schönherrs Stück »Der Weibsteufel «.

Die Konstellation hat Flicker gleich gelassen: Es gibt die Frau, es gibt den Mann, es gibt den Grenzjäger. Verändert hat er lediglich den Ort, statt Schönherrs Alpen bildet hier das wilde Sumpfgebiet der March-Au, Grenzgebiet zur Slowakei, den Handlungsschauplatz. Aber es braucht nur wenige Aufnahmen, um zu begreifen, das dieser sumpfigen Flussaue mit ihren wuchernden, wilden Gräsern, ihren langsamen Wassern und den wenigen Lichtungen eigentlich die Hauptrolle zukommt.

In den ersten Einstellungen sieht man den Mann (Andreas Lust) an diesen Ort zurückkehren. Noch sind wir in der Gegenwart. Ob er wieder da sei, wird er gefragt. Ein Boot bringt ihn schließlich zu einem offenbar verlassenen Grundstück, dessen Haus mit Brettern vernagelt ist. Der Mann reißt sie nieder, dringt in das Haus ein und holt aus einem Versteck eine Plastikdose. Als könne er es nicht fassen, holt er diverse Bündel mit Geldscheinen heraus. Deren Wert scheint ihm wenig zu bedeuten, sein Blick wird träumerisch angesichts des Gummibands, mit dem die Bündel zusammengehalten werden. Dann erfolgt der Zeitsprung ins Jahr 2001.

Damals lebte hier der Mann als Fischer mit seiner Frau. Jana (Andrea Wenzl), so erfährt man später, kommt von der anderen Seite der Grenze. Die junge Frau führt das Gasthaus, in das sich nur wenige Ausflügler verirren. Eines frühen Morgens schneit ein junger Soldat (Stefan Pohl) herein und will einen Kaffee trinken. Und ohne, dass sich wirklich etwas ereignet, tut sich ein Spannungsfeld auf: da ist Jana, die mit charmanter Sprödigkeit einerseits die Abweisende gibt, andererseits dem Soldaten forsch Paroli bietet. Dann der Soldat, der sich bald vertraulich als »Ronny« vorstellt und dem man anmerkt, dass auch er hinter der Fassade gewollter Naivität anderes zu bieten hat. Und schließlich der Fischer, der dazukommt und ganz eigene Schlüsse zieht. Sie alle verbergen etwas, sie alle wissen von den jeweilig anderen, dass diese es auch tun, im Verborgenen aber werden hier bereits Allianzen bestätigt, begründet oder aufgekündigt – ohne dass der jeweils Dritte davon etwas ahnt.

Die Stärke von Flickers Film liegt in solchen Situationen, in denen die Kamera (Martin Gschlacht) so präzis wie atmosphärisch die jeweilige Örtlichkeit einfängt, und die Schauspieler allein durch wenige Gesten und dezidierte Blicke den Zustand ihrer Figuren verraten. Andreas Lust verkörpert auf feine Art einen groben Menschen, Andrea Wenzl spielt den erotischen Mittelpunkt, ohne je in die üblichen Klischees von weiblichem Sexappeal zu verfallen und Stefan Pohl gibt den jungen Eindringling mit überraschender Balance zwischen Verschlagenheit und Hingabe. Es liegt also weder an der Inszenierung noch an den Schauspielern, dass Grenzgänger am Ende doch ein leicht fades Gefühl hinterlässt. Nein, es ist einmal mehr das Drehbuch, das enttäuscht.

Denn was sich als Tiefe des Raums und der Charaktere andeutet, findet dann doch keine Entsprechung auf der Handlungsebene. Da bleibt Flicker vielleicht etwas zu sehr den Strukturen der Vorlage treu, bzw. bestückt den aktuellen Hintergrund – der Fischer und seine Frau verdienen sich als Schlepper ein Zubrot – nicht mit genug Erzählfleisch. Das aber macht es den Figuren schwer, ihren doch stets verborgenen Leidenschaften genug Widerhall zu verschaffen. So atmosphärisch dicht Regisseur und Kameramann die March-Au hier auch erscheinen lassen, so leer und spannungslos kommt so am Ende der Konflikt der Dreierkonstellation herüber. Nicht weil wir lange vorher wissen, wie es endet, wirkt es langweilig, sondern weil man so wenig über das Warum erfährt.

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