Kritik zu The Green Wave

© Camino

Ähnlich wie Marjane Satrapi in ihrem autobiografischen Animationsfilm »Persepolis« schildert nun Ali Samadi Ahadi die Ereignisse nach den Wahlen im Iran 2009 in einer geschickten Überblendung von halbdokumentarischem Material und Zeichentrick

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»The Green Wave« ist in mehrfacher Hinsicht eine Fortsetzung zu Satrapis Abrechnung mit dem Mullah-Regime Persepolis. Ali Samadi Ahadis halbdokumentarisches Filmprojekt spiegelt zunächst die euphorische Aufbruchsstimmung der »grünen Bewegung« wider. Die Farbe Grün, eigentlich die Landesfarbe, wurde zum Erkennungszeichen der Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Mussawi, der im Juni 2009 kandidierte. Die Aussicht, dass mit der demokratischen Wahl dieses liberalen Reformers die islamistische Unterdrückung vorüber sein sollte, euphorisierte die Massen. Hupende Autokorsos fuhren durch nächtliche Straßen, auf denen die Menschen tanzten. In den langen Schlangen vor den Wahllokalen herrschte Hochstimmung. Dass jemand den gegenwärtigen Machthaber und Holocaustleugner Ahmadinedschad wählen würde, galt unter den hoffnungsvollen Menschen als schlechter Witz.

Umso größer das Entsetzen nach Bekanntgabe des offensichtlich gefälschten Wahlergebnisses. Der Protest, bei dem über eine Million Menschen spontan auf die Straße gingen, blieb friedlich – bis sogenannte Milizionäre auf Motorrädern die Menschen mit Knüppeln und Messern attackierten. Das Youtube-Handyvideo der jungen Iranerin Neda, die möglicherweise von einem Scharfschützen erschossen wurde, erregte weltweit Aufsehen. Aber war dieses spektakuläre Dokument nicht eine Fälschung?

Diese Frage unterläuft der Regisseur von »Salami Aleikum«. Mittels Facebook-Nachrichten und eingestellten Internetvideos rekonstruiert er ein unabhängiges Bild. Als Hauptquelle fungieren Blogeinträge, welche die Zensur noch passieren konnten. Diese authentischen Schilderungen verdichtet der Regisseur zu den Erlebnissen zweier fiktiver Studenten, deren leidvolle Erfahrungen während der Ausschreitungen er bebildert. Der Kunstgriff ist gelungen, weil Ahadi auf die Unsitte der Nachinszenierung verzichtet. Stattdessen erschuf er eine fotorealistisch anmutende Comicanimation. Die Bilder, die aussehen wie mit Filzstiften übermalte Fotos, wirken trotz ihrer plakativen Künstlichkeit beklemmend realistisch.

Im Wechsel mit Interviews, in denen Menschenrechtler sowie Journalisten und Zeugen zu Wort kommen, entsteht eine komplexe Dokumentarfilmcollage über die niedergeknüppelte Reformbewegung Irans. Der Film beeindruckt vor allem durch seine analytischen Qualitäten. So werden die Übergriffe auch aus der Sicht eines jener Milizionäre nachvollziehbar gemacht, der sich fragt: »Wo ist der Unterschied zwischen uns und den Soldaten des Schahs?« Eines der gelungensten Bilder zeigt diesen gebrochenen Menschen, der sich nicht mehr in die Moschee traut. Er weiß, dass der Gott, in dessen Namen er mordete, ihm niemals vergeben wird. Für die Komplizen der Macht kann es eine Rückkehr in ein »normales « Leben nicht geben. Dank solcher Szenen ist »The Green Wave« nicht nur im konventionellen Sinn politisch. Die Dokumentation verdeutlicht jene Spirale der Gewalt, die für jede Diktatur gilt.

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