Kritik zu Grain – Weizen

© Piffl Medien

Mit seiner Filmtrilogie »Bal – Honig«, »Süt – Milch« und »Yumurta – Ei« erwarb sich Semih Kaplanoglu den Ruf eines Bildermagiers. In seinem neuen Werk versucht er sich an einem Science-Fiction-Stoff

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

In einer nahen Zukunft haben sich die Metropolen in ruinenartige Konglomerate verwandelt. Migranten aus dem sogenannten »Ödland« drängen in die abgeriegelten Städte, in denen es nicht mehr genug Nahrung für alle gibt. Zu Beginn ist ein Junge zu sehen, der sich von einer bewachten Gruppe entfernt und kurz darauf in einem unsichtbaren Magnetfeld verglüht: Das sind nicht die Bilder, die man von Semih Kaplanoğlu erwartet, dem Bildermagier, dem mit »Bal – Honig«, »Süt – Milch« und »Yumurta – Ei« subtile Festivalfilme gelangen, die durch ihre visuelle Poesie beeindrucken.

»Grain – Weizen« ist nun seine erste internationale Koproduktion, erstmals dreht der türkische Regisseur auch in Englisch. Zumindest bei der Wahl des Sujets scheint er sich treu geblieben zu sein. Wie in seiner Yusuf-Trilogie thematisiert er wieder ein Grundnahrungsmittel. Inspiriert von einer Sure des Korans, erzählt Kaplanoğlu die Geschichte des Biologen Erol Erin (Jean-Marc Barr). Im Auftrag eines Konzerns, der an die Stelle einer Regierung getreten ist, will er die Hungersnot durch die Züchtung einer genetisch manipulierten Weizenart lindern. Doch das Projekt ist zum Scheitern verurteilt: »Alles, was wir mit synthetischer Biologie geschaffen haben, stirbt.« Bei der Produktion des Getreides ist offenbar das Verhältnis zwischen Natur und Kultur, technischer Vernunft und Spiritualität aus dem Gleichgewicht geraten.

Um Abhilfe zu schaffen, begibt Erin sich auf die Suche nach dem abtrünnigen Wissenschaftler Cemil Akman (Ermin Bravo), einem kauzigen Asketen, der irgendwo in einer wüstenartigen Einöde eine Lösung des Problems gefunden zu haben scheint. Diese Verdammung moderner Technologien und die Hinwendung zu einer mystisch-spirituellen Vision von Natur kommen ziemlich abrupt. Auch der halbherzige Flirt mit dem Science-Fiction-Genre – zu sehen sind fliegende Untertassen und moderne Computerbildschirme – bekommt dem Film nicht. Beeindruckend sind lediglich Schwarz-Weiß-Panoramen, die an den erhabenen Zerfall erinnern, den man aus Meisterwerken wie »Le dernier combat« oder »Stalker« kennt. Wo aber die enigmatischen Bilder von Luc Besson und Andrej Tarkowski durch ihre meditative Dichte faszinieren, versammelt Kaplanoğlu nur die einschlägigen Klischees politisch korrekter Öko-Esoterik, vom Klimawandel über die Migrationsbewegung und die Genmanipulation bis hin zur atomaren Verseuchung.

»Beeilung, da kommt saurer Regen« – mit solchen Dialogsätzen versucht der Regisseur, die von Jean-Marc Barr und Ermin Bravo blass verkörperten Hauptfiguren, die eine Art Meister-Schüler-Beziehung aufbauen, zum Leben zu erwecken. Der dystopische Gesellschaftsentwurf bleibt dabei ebenso vage wie die esoterische Vision eines Universums, in dem »alles danach strebt, menschlicher zu werden«. Und so wird die mit zwei Stunden etwas zu lang geratene Reise zum »tiefer liegenden Geheimnis des Weizens« irgendwann zur Geduldsprobe.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns