Kritik zu The Gift

© Paramount Pictures

2015
Original-Titel: 
The Gift
Filmstart in Deutschland: 
26.11.2015
L: 
108 Min
FSK: 
12

Was zunächst wie eine Parade von Home-Invasion-Klischees daherkommt, entwickelt sich zu einem hinterhältigen, hochspannenden Thriller um Vertrauen und Schuld

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Joel Edgerton, für seine schauspielerischen Leistungen in »Exodus« oder »Black Mass« hoch gelobt, hat schon mehrfach auch seine Autorenqualitäten unter Beweis gestellt, etwa bei »The Rover« und »Felony«. Bei »The Gift« ist er nun Autor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion – und er bewältigt dieses Multitasking mit Bravour.

Dabei lässt sein mit fünf Millionen Dollar schlank budgetiertes Projekt auf den ersten Blick vermuten, es handele sich um einen Home-Invasion-Thriller von der Stange: Das Ehepaar Simon und Robyn (Jason Bateman und Rebecca Hall) zieht da in ein großzügig geschnittenes, modernistisches Haus mit Panoramafenstern und viel Grün drum herum irgendwo in den Hügeln über Los Angeles, wo Simon einen gut bezahlten Job in der Sicherheitsbranche gefunden hat. Alles ganz wunderbar, so scheint es zumindest. Dann aber spricht ein Mann die beiden an, offenbar ein alter Schulkamerad Simons. Gordo (Edgerton mit adäquat-unvorteilhaftem Bart) wirkt einsam und wird bald sehr anhänglich. Er macht den beiden immer wieder Geschenke, schaut uneingeladen auf einen Kaffee vorbei, vor allem dann, wenn Robyn allein zu Hause ist. Zwar findet besonders Simon den neuen »Freund« befremdlich, doch das Paar lässt ihn lange, allzu lange gewähren. Als Simon ihm dann unsanft erklärt, den Kontakt abbrechen zu wollen, wird Gordo richtig unangenehm.

So weit, so vorhersehbar. Bei der Stange halten einen zunächst die guten Schauspielerleistungen – der Film ist bis in die Nebenrollen klasse besetzt, etwa mit Allison Tolman aus der Serie »Fargo« oder Wendell Pierce von »The Wire« – sowie die spannungsreichen Bildkompositionen von Eduard Grau. Auch das Gespür der Inszenierung für Timing und vielsagende Details lässt schon zu Beginn erahnen, dass sich in dieser Verpackung doch etwas mehr als eine weitere Deklination von Standards verbergen könnte. Die vielen Glasfronten des neuen Zuhauses, die Transparenz suggerieren, aber auch überraschende Spiegelungen zurückwerfen, sind dafür nur ein Beispiel.

Wenn dann die Handlung ihre erste Eskalationsstufe erreicht und plötzlich seltsame Abzweigungen einschlägt, beginnt ein höchst cleveres Katz-und-Maus-Spiel, nicht nur zwischen Simon, Robyn und dem immer unheimlicher werdenden Gordo, sondern auch zwischen Film und Publikum. Bald ist das meiste infrage gestellt, das anfangs noch klar und einfach schien. Und ohne das Selbstreferenzielle zu übertreiben, denkt das Drehbuch durch seine Wendungen über genau die Klischees nach, die es zunächst bediente. Zwar bekommt in diesem kurvenreichen Parcours die Glaubwürdigkeit der einen oder anderen Figur einen Riss, doch der Spannung tut dies keinen Abbruch.

Aus der »Home Invasion« wird so ein psychologischer Thriller mit moralsatirischer Note. Es geht um dunkle Punkte in der Vergangenheit, um ein komplexes Geflecht von Schuld, Verantwortung und Vertrauen, auf einer allgemeineren Ebene letztlich auch um Charakterschäden im Kapitalismus. Mit »The Gift« hat uns Joel Edgerton ein wirklich feines, subversives Stück Genrekino geschenkt, mit so viel Herz wie Verstand.

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