Kritik zu Exodus: Götter und Könige

© 20th Century Fox

Noch einmal das Alte Testament: Nach Darren Aronofskys »Noah« lässt Ridley Scott nun Moses einen göttlichen Auftrag erhalten und sein Volk ins Gelobte Land führen. Ein Bibelepos, das auch für Agnostiker verträglich ist

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2 (Stimmen: 4)

Im Vorfeld seiner neuen Großproduktion bekam Ridley Scott Publicity, die er sich wohl nicht gewünscht hat: Die Besetzung von ausschließlich weißen Schauspielern in den Hauptrollen für einen Stoff, der im alten Ägypten und damit einer Gesellschaft spielt, in der Weiße eine Minderheit gewesen sein dürften, brachte ihm von einigen Seiten den Vorwurf des Rassismus ein, dazu Boykottaufrufe via Twitter. Und dann verstörte auch noch Hauptdarsteller Christian Bale Gläubige mit der Äußerung, der reale Moses sei wahrscheinlich schizophren gewesen sowie eine der »barbarischsten« Figuren, von denen er je gehört habe.

Christen, die jedes Bibelwort für die absolute Wahrheit und rein gar nichts von Metaphern halten, dürfte auch der fertige Film nicht gefallen. Der erklärte Agnostiker Scott und sein Autor Steven Zaillian ­(Hannibal, American Gangster) nehmen sich eine Menge Freiheiten, um den nicht ganz jungfräulichen Stoff in einem neuen Licht zu präsentieren: dem des Skeptizismus. Diese Herangehensweise wartet mit ein paar Überraschungen auf, steht aber leider im Missverhältnis zur Blockbuster-Wurschtigkeit, mit der so manche Charaktere, Themen und »große Emotionen« abwickelt werden. Dass nur kassenträchtige weiße Stars die Hauptrollen spielen – ganz wie in betagten Bibelfilmen vom Schlage der Zehn Gebote mit Charlton Heston – passt da eigentlich gut zum leicht miefigen Gesamteindruck.

Die Kindheitsgeschichte seines Helden spart Exodus: Götter und Könige klugerweise aus und absolviert die Großerzählung in fast bescheidenen zweieinhalb Stunden. Auftritt Moses am Hof des ägyptischen ­Pharaos, wo niemand ahnt, dass er zum »Sklavenvolk« der Hebräer gehört: Der tatkräftige Heerführer ist für Pharaonensohn Ramses (Joel Edgerton) wie ein Bruder und wird von Pharao Seti (John Turturro) höher geschätzt als der leibliche Sohn und designierte Nachfolger. In einer Schlacht gegen die Hethiter – die erste von zahlreichen Monumentalszenen, die geschickt zwischen Vogelperspektive und Eintauchen ins Getümmel wechseln – rettet Moses Ramses das Leben und erfüllt damit eine Prophezeiung der Hohepriesterin. Eine bemerkenswerte Randnotiz dieser Neuinterpretation: Heidnische Eingeweideschau hat keine geringere prophetische Qualität als die Ansagen Jahwes.

Die folgenden Stationen halten sich weitgehend an den biblischen Plot: Moses’ wahre Herkunft wird enthüllt, woraufhin er in die Wüste geschickt wird. Er findet Aufnahme bei einem Hirtenvolk, heiratet, bekommt einen Sohn, erhält Jahre später den göttlichen Auftrag, sein Volk aus der Knechtschaft zu befreien. Ein Guerillakrieg gegen die Ägypter und den neuen Pharao Ramses hebt an, doch erst nach den gottgesandten zehn Plagen können die Hebräer Richtung Kanaan ziehen. Die pharaonische Armee geht bei der Verfolgung im Roten Meer unter, während die ehemaligen Sklaven weiterziehen, um das Land zu erreichen, wo Milch und Honig fließen. Um dort eine neue Gesellschaft zu formen, braucht es aber Gesetze: die Zehn Gebote.

So weit, so bekannt. Und so naheliegend die Gefahr, eine Nummernrevue der Actionhöhepunkte zu liefern. Ridley Scott entkommt ihr nur phasenweise und glänzt vor allem mit Schauwerten in solidem, nie aufdringlichem 3D. Gedreht außer in den Pinewood-Studios in Wüstenszenerien des spanischen Almería, durch die bereits Peter O’Toole als Lawrence von Arabien zog, sowie auf Fuerteventura, bietet Exodus beeindruckende Panoramen von weiten Landschaften, Menschenmassen und ägyptischen Monumentalbauten, die man teilweise noch im Bau bewundern darf. Da möchte der Blick bisweilen mehr Zeit haben, um durch die detailreich ausgestalteten CGI-Details zu wandeln, doch die Montage hat es meist eilig, zu handlungsrelevanten Elementen zurückzukehren.

Uninspiriert wie die von Klischees strotzende Musik von Alberto Iglesias verfährt das Drehbuch leider mit den Motiven, die es um das biblische Handlungsskelett herum modelliert. Intrigen am Hofe, Moses’ Ringen um seine Identität und mit dem Glauben, seine Konflikte, als er Frau und Kind zurücklässt – flüchtige, blasse Skizzen, wie die meisten Nebenfiguren. Gerade weil sie so prominent besetzt sind, etwa mit Sigourney Weaver oder Ben Kingsley, wirken sie wie Staffage. Von allen menschlichen Charakteren, Moses inbegriffen, ist Ramses noch der interessanteste. Der ungeliebte Thronfolger kuschelt schon mal mit Schlangen und fantasiert, sein Vater könne ihn vergiften. Selbst Pharao geworden, regiert er mit verbissener Grausamkeit und päppelt sein verletztes Ego mit Gigantomanie in Stein. Wenn dieser Bösewicht nach dem Verlust seines kleinen Sohnes durch die Plagen dem Propheten verzweifelt entgegenhält: »Welche Fanatiker beten solch einen Gott an, der sogar Kinder tötet?«, ist das trotz allem entwaffnend. Seinen Bruderzwist mit Moses aber behandelt das Drehbuch stiefmütterlich, obwohl er eine spannende Vieldeutigkeit birgt: Noch vor dem Abspann erscheint in großen Lettern die Widmung des Regisseurs für seinen Bruder Tony Scott, der 2012 Selbstmord beging.

Ungewöhnliche Wege schlägt Exodus ein, wo es um den religiösen Kern der Geschichte geht. Da ist er auf der Höhe der Zeit, skeptisch und ohne Scheu vor Irritationen. Sein Moses könnte durchaus ein Wahnsinniger sein – und genau deshalb der richtige Mann zur richtigen Zeit. Zum ersten Mal erscheint Gott ihm, als er nach einem Erdrutsch fast vollständig verschüttet und halb von Sinnen ist. Der göttliche Auftrag also nur eine Halluzination, vergleichbar etwa den Stimmen, die Jeanne d’Arc vernommen haben soll? Auch Jahwe ist eine Überraschung. Er wird in Gestalt eines kleinen Jungen inszeniert, der ziemlich launisch daherkommt, mal grausam, mal kryptisch spricht. Oder trotz Moses’ Flehen überhaupt keine Antwort gibt. Für die zehn Plagen, ein grauenvolles Stakkato aus Blut, Ekel, Dunkelheit und Tod, liefert dann ein Gelehrter des Pharaos den wissenschaftlichen Erklärungsansatz, demgemäß ein Unheil das nächste hervorbringt, als Kettenreaktion physikalischer und biologischer Phänomene. Im Zuge dieser skeptischen Neubewertung von biblischen wie bibelfilmischen Standardsituationen kann auch das »Meereswunder« nicht gar so wunderlich aussehen wie in früheren Adaptionen – beträchtlichen Schauwert besitzt es gleichwohl. Es sind letztlich ein paar clevere Ideen, mit denen Ridley Scott seinen Exodus über den belanglosen Retro-Sandalenfilm zu Weihnachten hinaushebt.

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