Kritik zu Ganz große Oper

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2017
Original-Titel: 
Ganz große Oper
Filmstart in Deutschland: 
01.06.2017
V: 
L: 
88 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Ministerialdirigent Toni Schmid bittet in seinem Dokumentarfilm über die Bayerische Staatsoper zu einer Art Betriebsführung durchs Haus und hinter die Kulissen

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»Holzbläser sind sehr kultivierte Leute«, sagt der Blechbläser Johannes Dengler in einer klassischen Talking-Head-Einstellung in diesem Film; »wir müssen viel trainieren«, bemerkt die Tänzerin Elisa Mestres. Tenor Jonas Kaufmann kommentiert Richard Wagners Texte (»krude«), seine Laufbahn und die Löckchen als Markenzeichen. Intendant Nikolaus Bachler, der ihn »den Jonas« nennt, ist stolz auf die 45 Opern pro Jahr an seinem Haus und dass man den Aufbau des Bühnenbilds in sechs Stunden schaffe. Dazwischen Szenen aus verschiedenen Inszenierungen auf der Bühne und im Probenraum. Und bei den kurzen Stippvisiten in die Werkstätten schauen im Fenster hinter den Giebeln die Türme von Marien- und Frauenkirche hervor.

Wir sind in einem Film über die Bayerische Staatsoper. Genauer: in einem Werbefilm über und für das Haus und seine Bewohner. Und man merkt schnell, dass der Herr, der diesen Film gemacht hat, die Herren (und die wenigen sprechenden Damen) kennt, die er bei der Arbeit dort filmt. Denn Regisseur Toni Schmid (Haindling) ist seit vielen Jahren als Ministerialdirigent im bayerischen Kultusministerium auch für das dortige Nationaltheater und damit auch die Oper verantwortlich.

So verliert man nie das Gefühl, bei einer offiziellen Betriebsführung dabei zu sein, was die Spannung des Films mit seiner konventionellen Häppchendramaturgie nicht gerade erhöht. Nichts von dem Gesagten ist irgendwie überraschend. Und auch die Einblicke in die Örtlichkeiten hinter den Kulissen – etwa die Kostüm- oder Bühnenbildwerkstätten – bleiben illustratives Füllmaterial und sind viel zu kurz, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, selbst auf visuelle Erkundung zu gehen. Im Zweifelsfall geht die Kamera lieber auf die hübsche Näherin als auf die Tätigkeit des Nähens selbst zu.

Überhaupt verstärken Kamera und Inszenierung mit ihrem kulinarischen Ansatz recht eindimensional den Sexismus der gezeigten Welt, in der Männer über fünfzig den Ton angeben und Frauen mit wenigen Ausnahmen jung und auch gerne halbbekleidet sind. Doch nicht nur deswegen sehnt man sich bald nach der inszenatorischen Klugheit und Komplexität etwa von Frederick Wisemans »Das Ballett der Pariser Oper«. Auch von der Garderobenfrau würde man lieber etwas über ihre Arbeitsbedingungen hören als schale Komplimente für ihre netten »Gäste«. Dabei gilt es doch eigentlich als dokumentarische Grundregel, dass Widersprüche einen Film erst lebendig und inte­ressant machen.

Die Inszenierung ist brav, wesentlichstes Stilmittel Schmids die Überblendung von der Probensituation zur Vorführung selbst und zurück. Wer – wie die Autorin – Oper eigentlich sehr mag, hangelt sich notgedrungen entlang der Mitschnitte von »Meistersinger« und »Maskenball« durch diesen Film. Interessanterweise war Dirigent Kirill ­Petrenko im Gegensatz zu seinem Kollegen Zubin Mehta klug genug, sich nicht zu einem Statement für dieses PR-Stück herzugeben.

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