Kritik zu Gabrielle – (K)eine ganz normale Liebe

© Alamode

Eine junge Frau, die mit dem Williams-Beuren-Syndrom geboren ist, verliebt sich, und für alle in ihrem Umfeld stellt sich nun die Frage, wie man mit solchen Gefühlen zwischen Behinderten umgeht

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Liebe unter Behinderten, das ist kein neues, wohl aber ein drängendes Thema. In den letzten Jahren haben Filme, die sich damit auseinandersetzen, ihren Weg immer wieder auch ins Kino gefunden. Me too – Wer will schon normal sein? zum Beispiel, der einfühlsam und für die meisten überraschend einen akademisch geprüften Mann mit Downsyndrom vorstellte, dessen erotische Wünsche lange offen blieben. In The Sessions – Wenn Worte berühren ging es um einen Mann, der obwohl angewiesen auf eine Eiserne Lunge, dank einer Sexualtherapeutin zu erfüllter Liebe findet. Aus Kanada kommt nun ein weiterer Spielfilm, der unaufgeregt mit diesem Thema umgeht und Sexualität zwischen Behinderten als Selbstverständlichkeit inszeniert – allerdings nur solange sich niemand einmischt.

Und natürlich mischt sich jemand ein, als Gabrielle sich in Martin verliebt und beide aus ihrem Wunsch nach einer normalen Beziehung keinen Hehl machen. Martins Mutter findet die erotischen Wünsche ihres Sohnes absurd und versucht die Beziehung zu unterbinden. Die Pfleger und Betreuer sind da schon weiter. Normalität, so scheint es, ist tatsächlich eine verhandelbare Größe. Darstellerin Gabrielle Marion-Rivard, die wie ihre gleichnamige Filmfigur unter dem Williams-Beuren-Syndrom leidet, ist erstaunlich in ihrer Rolle. Ihr Krankheitsbild bringt eine eingeschränkte Selbstständigkeit mit sich, die Unfähigkeit zu lügen und ein auffallendes Äußeres. Auf der anderen Seite sind WBS-Menschen äußerst kontaktfreudig und mit einer theatralischen Lust am Ausdruck gesegnet, sei es sprachlich oder musikalisch. Der Chor, in dem Gabrielle und Martin singen, ist tatsächlich etwas Besonderes.

Das Besondere unter allem Normalen – das ist die Perspektive, die Regisseurin Louise Archambault einnimmt, sie schöpft dabei aus eigenen Erfahrungen. Wie viele andere fühlte sie sich in der Gegenwart behinderter Menschen oft unsicher. Als sie sich entschloss, einen Film nicht nur über Behinderte, sondern in großen Teilen mit ihnen zu drehen, musste sie diese Angst überwinden. Insofern ist der Film in vielerlei Hinsicht therapeutisch. Er zeigt all den Eltern, denen es schwerfällt, ihren behinderten Kindern Selbstständigkeit, geschweige denn Sexualität zuzugestehen, dass Schutz allein nicht hilfreich ist. Und er zeigt uns, dass es Probleme der Intoleranz gibt, die nichts mit dem jeweiligen Krankheitsbild zu tun haben.

Gabrielle ist eine fiktive Geschichte, die einem Dokumentarfilm denkbar nahekommt. Viele der Darsteller tragen ihre eigenen Namen und sind mehr oder weniger selbst mit den Problemen konfrontiert, die sie darstellen. Und doch schafft es Louise Archambault, eine intensive Athmosphäre zu erzeugen. Sie erzählt eine Geschichte von reiner Liebe, ganz ohne Schnörkel, zwischen zwei Menschen, denen das Konzept der Lüge völlig fremd ist. Dadurch wird die Liebe ein ganz klares Gefühl, direkt, ohne Kalkül und ohne Missverständnisse. Indem sich der Film in seiner Ambition eher zurückhält, erreicht er alles, was ihm möglich ist.

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