Kritik zu Frau Stern

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Coole Oma: Anatol Schuster (»Luft«) lässt in seinem Film eine 90-jährige Holocaustüberlebende mit dringlichem Todeswunsch zur Geltung kommen

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Weißes, wehendes Haar, ein leicht gebückter, aber zielstrebiger Gang, in fast jeder Szene eine Kippe zwischen den Lippen und die Sonnenbrille auf der Nase. Zwischendurch zieht sie noch einen Joint durch, trinkt und tanzt. Und immer hat die Endachtzigerin Frau Stern (Ahuva Sommerfeld) einen Spruch parat. »Ich hab das KZ überlebt, ich werde auch das Rauchen überleben!« Touché! Ohne dezidierte Filmrentneranalyse steht fest: Frau Stern gehört zu den coolsten Omas, die der deutsche Film je hervorgebracht hat!

80 Jahre alt ist Schauspielerin Sommerfeld bei ihrer Debütrolle, für die sie beim Achtung Berlin-Festival gemeinsam mit ihrer jungen Partnerin Kara Schröder als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Posthum, wie man traurigerweise präzisieren muss, denn Sommerfeld starb kurz nach der Premiere beim diesjährigen Max-Ophüls-Preis im Alter von 81 Jahren.

Regisseur Anatol Schuster, der bei ­Achtung Berlin auch die Preise für den besten Spielfilm und der Jury des Verbands der Deutschen Filmkritik einpacken konnte, ist bei der Recherche für ein Kurzfilmporträt durch seinen Kameramann Adrian Campean auf Sommerfeld gestoßen. Die nämlich ist, um den Bogen hier zu schließen, die Oma von Campeans Freundin. Und eine so interessante Persönlichkeit, dass aus dem Kurz- ein Spielfilm geworden ist, für den sich der Regisseur vom Leben seiner Hauptdarstellerin inspirieren ließ. Sommerfelds Mann starb, wie im Film, früh, und auch im realen Leben pflegte sie ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Enkelin, wie sie im Interview erklärte.

Schuster erzählt allerdings nicht ihre Biografie nach, sondern lässt seinen komplett unabhängig finanzierten Film Film sein. »Ich will sterben«, sagt die jüdische Heldin da gleich in der ersten Einstellung ernst in die Kamera blickend und flitzt nach einer Waffe fragend durch die Neuköllner Nachbarschaft. Später legt sie sich noch auf die Gleise, wird aber von einem Spaziergänger »gestört«.

Dennoch ist »Frau Stern« eine Ode an das Leben, denn in Sachen Hedonismus steht die jung gebliebene Frau der Enkelin Elli (Kara Schröder), ihrem »Schätzchen«, in nichts nach. Sie geht mit ihr und ihrer Clique in Clubs feiern, einmal die Woche kommt der Friseur (Murat Seven) ins Haus und bringt eine neue Ration Gras. Und in der berührendsten Szene des Films singt Frau Stern Karaoke und lässt mit ihrer rauchig-brüchigen Version von »Summertime« die Zeit stillstehen.

Es sind Momente wie diese, die Schusters nicht rundum gelungenen Film zu etwas Besonderem machen. Denn obwohl nicht alle Dialoge, Szenen und Schauspieler so natürlich wirken, wie sie eigentlich sollen: Dieser Modus zwischen schwer und locker-flockig, der in verträumterer Manier auch Schusters Debüt Luft auszeichnete, dieser la­konische Blues und die beiden fantastischen Hauptdarstellerinnen drücken die Zweifel in den Hintergrund. »Summertime and the livin' is easy«: Am Ende sind Leben und Tod nahe beisammen und Frau Stern tanzt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der Film war für mich so wertvoll , so ehrlich und schonungslos . Er hat mich an meine eigene Großmutter erinnert im positiven Sinn . Sie war unkonventionell und authentisch , so wie Frau Stern .Ich bin vom künstlerischen Aspekt des Filmes sehr beeindruckt.

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