Kritik zu Fernes Land

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Der aus Indien stammende Regisseur Kanwal Sethi zeigt in seinem sächsischen Roadmovie die große Entfernung auf, die zwischen den Welten der in Deutschland lebenden Migranten und den »Einheimischen« herrscht

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Ein Autounfall bringt zwei ganz unterschiedliche junge Männer zusammen zu einer gemeinsamen Reise, die sie durch sächsische Migrantenwelten zum Leipziger Hauptbahnhof führt. Mark ist ein Versicherungsangestellter mit zeitloser Depardieu-Frisur und ähnlich stattlicher Figur, der im Dienst Vorträge hält über die »Unruhe als Schlüssel zum Erfolg« und die Umwandlung von Ängsten in positive Energie. Doch jenseits solch berufstypischer Sprechblasen scheint er ein ehrlicher Mann mit Hang zu japanischer Kochkultur zu sein.

Haroon ist vor ein paar Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen, der kleinen Schwester am Telefon daheim erzählt er von den schönen Schauspielerinnen im eigenen Friseursalon. Doch der ist noch Traum, erst mal ist Haroon einem »väterlichen Freund« noch einiges Geld schuldig, um die Ausweispapiere zu bekommen, die er zum einigermaßen sicheren Überleben braucht. Das zusammenzutragen ist schwer, denn in der illegalen islamischen Schlachterei, wo Haroon arbeitet, betrügt man ihn um den Lohn.

Dorthin bringt Mark ihn auch an dem Abend, nachdem er ihn angefahren hat. Gefährlich ist die Verletzung nicht, doch der biedere Deutsche hatte beflissen vorschnell Polizei und Krankenwagen alarmiert, bevor ihn der Illegale überredet, ihn vor deren Eintreffen im Auto vom Unglücksort fortzuschaffen. Am Schlachthof fällt »der Weiße« – wie er von den Migranten immer wieder genannt wird – Haroons Bossen unangenehm auf und beide werden zusammengeschlagen und festgesetzt. Nur kurz, dann gelingt ihnen die Flucht mit dem firmeneigenen Lieferwagen, was ihnen zusätzlich erbitterte Verfolger auf die Spur setzt.

Die nächtliche Fluchttour führt die beiden in einige weitere gewaltsame Konflikte und Mark zu ihm bisher unbekannten Orten migrantischen Lebens. Dabei kommt er, wie es sich für ein Roadmovie gehört, auch seinen eigenen Problemlagen näher, die den von ihm in seinen Vorträgen benannten Ängsten gar nicht so fern sind.

Die von einer unterkühlt jazzigen Musik untermalte Inszenierung von Kanwal Sethi bleibt angenehm zurückhaltend und unausgesprochen, das vermeintliche Fernweh Marks allerdings (vielleicht vom selbst migrierten Regisseur hineinprojizierte?) Behauptung. Das macht aber gar nichts, auch hier ist weniger vielleicht mehr. Schwächster Aspekt des Films sind sicherlich die verteilten Erinnerungssplitter an die dramatische Beziehungsgeschichte von Mark und seiner Freundin, die sich nicht so recht plausibel zusammenfügen lassen wollen. Doch die Atmosphäre ist dichtund stimmig, die beiden Hauptdarsteller Christoph Franken und Atta Yaqub (der Brite hat für den Part extra Deutsch gelernt) geben die sich verdichtende emotionale Beziehung zwischen den beiden Charakteren überzeugend.  Schön auch, dass Fernes Land an einem Punkt endet, wo alles offen scheint. Regisseur Kanwal Sethi, selbst 1992 aus Nordindien nach Sachsen gekommen, widmet seinen Film in Anlehnung an ein Kipling-Zitat »all denen, die nicht zu Hause bleiben«.

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