Kritik zu Familie Brasch – Eine deutsche Geschichte

© Salzgeber

2018
Original-Titel: 
Familie Brasch – Eine deutsche Geschichte
Filmstart in Deutschland: 
16.08.2018
L: 
103 Min
FSK: 
6

Annekatrin Hendel rekonstruiert die reiche und schwierige Chronik einer zwischen Kultur und Politik zum Zerreißen gebrachten Familie

Bewertung: 3
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»Die Wohnung am Schiffbauerdamm ist ja eigentlich eine Bühne«, sagt der Bildhauer Alexander Polzin in Annekatrin Hendels Dokumentarfilm »Familie Brasch«. Gemeint ist die letzte Adresse des Schriftstellers und Regisseurs Thomas Brasch, dem bekanntesten Mitglied der porträtierten Familie, über dem Restaurant Ganymed, direkt neben dem Berliner Ensemble.

Die Wohnung ist groß und leer und bekannt aus anderen Filmen, etwa den Dokumentationen Christoph Rüters (»Brasch – Das Wünschen und das Fürchten«, 2011). Eine karg eingerichtete Hülle nur, durch die ein Leben vagabundiert, das seinen Platz verloren, vielleicht nie gefunden hat: In den letzten Jahren seines Lebens lebte Thomas Brasch (1945-2001) im toten Winkel der Gegenwart, beschäftigt mit seiner eigenen Verzweiflung und dem ausufernden Buchprojekt über den »Mädchenmörder Brunke«.

Die Idee, dass Wohnungen das Leben der Menschen in Szene setzen, die in ihnen zu Hause sind, lässt sich durch den ganzen Film verfolgen. Hendel, die als Szenenbildnerin am Berliner Theater 89 gearbeitet hat, drapiert ihre O-Ton-Geber hier mit Sinn für den Raum. Die Radiomoderatorin und Buchautorin Marion Brasch wird in ihrem Wohnzimmer vor einer spektakulären Fensterfront befragt, die den Blick freigibt auf ein unsaniertes Hinterhof-Berlin, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Der Schriftsteller Christoph Hein, ein Jugendfreund von Thomas, sitzt in Christoph-Hein-Manier, mit gespreizten Beinen in seinem Landhaus, von dem aus man lange schauen kann, ehe der Horizont kommt. Im Hintergrund von Liedermacherin Bettina Wegner, einer früheren Freundin von Thomas und Mutter eines gemeinsamen Sohnes, erscheint die geschmackvolle Größe und Fülle einer Künstlerbehausung.

Stabilität ist das Privileg der Überlebenden, als die die Interviewten in Familie Brasch auftreten. Denn die Geschichte von den Braschs handelt von Zerstörung, von dem existenziellen Ringen zwischen Eltern und Kindern und Mann und Frau.

Horst Brasch (1922-1989), der Vater, konvertierte von seinem bayrischen Katholizismus im Londoner Exil, in das er als deutscher Jude verschickt wurde, zum Kommunismus; seine in Wien geborene Frau Gerda (1921-1975) wurde mit der unbedingten Hinwendung zur Partei und dem Umzug nach Ostberlin nach dem Ende der NS-Zeit nie richtig warm.

Die Wohnungen, in denen die Familie Brasch gelebt hat, sind im Film nicht zu sehen, aber sie werden erzählt. Die Adresse in Berlin-Mitte, einem privilegierten, aber ­keineswegs luxuriösen Neubau, das spätere Domizil im Lichtenberger Plattenbau und die Zwei-Raum-Wohnung, in die Horst Brasch, der ZK-Mitglied war und stellvertretender Minister für Kultur, am Ende seines Lebens zog, weil ihm alles andere unver­hältnismäßig vorgekommen wäre.

Hendels Film hat vor allem damit zu tun, die reiche, schwierige Chronik der Familie zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen Thomas und dem Vater, die Söhne Klaus (1950-1980) und Peter (1955-2001) kommen am Rande vor. Erzählt wird vor allem, und das ist die Pointe all der Kämpfe und Selbstzerstörung, aus der Perspektive von Marion, die es als einzige Überlebende geschafft hat, sich ein gesichertes Zuhause einzurichten.

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