Kritik zu Fahrenheit 11/9

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Wie konnte das passieren? Michael Moore macht sich Gedanken über Donald Trumps Aufstieg. Und entdeckt ein Land, in dem Hoffnung und Verzweiflung nah beieinander liegen

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Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Wie unvorstellbar dieser Gedanke im Herbst 2016 war, für die Medien, die politische Klasse und sogar für Trump selbst, zeigt eine Montagesequenz gleich zu Beginn von »Fahrenheit 11/9«, Michael Moores passenderweise elftem Film. Die Sicherheit, mit der Kommentatoren, Beobachter und selbsternannte Propheten den Sieg des Quereinsteigers damals vor laufender Kamera ausschlossen, hat im Rückblick etwas ebenso Erheiterndes wie Verstörendes. Moore macht daraus ein hübsches Stück TV-Geschichte, das uns den Schock des titelgebenden Datums plastisch vor Augen führt.

Ein Film über Trump also, den polarisierendsten US-Präsidenten aller Zeiten, gedreht vom polarisierendsten Dokumentarfilmer aller Zeiten? Ja und nein. Selbstverständlich arbeitet Moore auch hier mit der gewohnten Methode. Sein lustvoll arrangiertes Schnittgewitter bemüht sich keinen Augenblick um den Anschein von Objektivität. Vielmehr nutzt es ganz unverhohlen Propagandamittel, um die eigene Weltsicht zu illustrieren. Für die, nun ja, gute Sache eben.

Um Trump, den schmierigen Ehrgeizling mit ungesunder Tochterfixierung, geht es dabei ganz konkret nur in den ersten zwanzig Minuten. Danach begibt sich Moore auf Ursachenforschung. Wie konnte es so weit kommen, dass ein Land wie die USA einem wie Trump den roten Teppich ausrollt? Hier ändert sich die Tonlage; aus der bissigen Satire wird eine Recherche, die zumindest tendenziell dokumentarischen Charakter annimmt. Auf den ersten Blick geht es dabei um alles und nichts: Waffengesetze hier, medizinische Versorgung dort; Verstrickungen zwischen Politik und Wirtschaft hier, Wut und Frust der gesellschaftlich Abgehängten dort. Allmählich aber setzt sich ein durchaus komplexes Bild zusammen.

Zum zentralen Beispiel wird dabei – einmal mehr – Moores Heimatort Flint in Michigan. Seit die Stadt im Jahr 2014 ihr Wasser aus dem von der Autoindustrie verseuchten Flint River bezieht, herrscht dort Gesundheitsnotstand. Moore arbeitet geschickt die Zusammenhänge heraus, unternimmt in gewohnter Agitprop-Manier sogar den Versuch, den für den Skandal verantwortlichen Gouverneur Rick Snyder eigenhändig festzunehmen. Das Ganze gewährt nicht nur erschütternde Einblicke in den Status quo eines zerrissenen Landes, sondern bietet eine durchaus einleuchtende (Teil-)Erklärung für Trumps Erfolg. Wenn einer wie Snyder seine Bürger in aller Öffentlichkeit ungestraft vergiften darf, warum sollte ein megalomanischer Immobilienhai und Medienfuzzi dann nicht auch mit seinen Lügen durchkommen?

Für Moore gibt es trotzdem keinen Grund zum Verzweifeln. Er bezieht Hoffnung aus Umfrageergebnissen, die das amerikanische Volk aufgeklärter, sozialer und fortschrittlicher erscheinen lassen als seine aktuellen politischen Repräsentanten. Und schließlich entdeckt er eine neue demokratische Politikergeneration, die mit Populismus nichts am Hut hat und vielleicht eines Tages das Ruder rumreißen wird.

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