Kritik zu Everytime

© Eksystent Filmverleih

Sandra Wollners in Cannes mit dem Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard ausgezeichneter Film entwirft eine ­Trauer­studie und eine Auseinandersetzung mit Erinnerungen, wie sie im Kino noch nicht zu sehen war.

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Eine unfassbare Kamerabewegung teilt »Everytime« in ein Davor und ein Danach: Die Kamera (großartig: Gregory Oke) tastet in einer Supertotalen über Berliner Fassaden, zoomt dann langsam, aber stetig auf das Dach eines roten Plattenbaus, auf dem Jessie (Carla Hüttermann) und ihr Freund Lux (Tristan López) zugedröhnt nach einer Technopartynacht herumlümmeln: jugendliche Unbekümmertheit mit unheilvollem Grundrauschen. Jessie schießt ein Foto vom Sonnenaufgang, die Kamera bewegt sich weiter über die Fassade, dann über ein fast schon surreal dichtes Grün der Baumkronen, durch die schließlich Jessies Körper Richtung Boden schießt.

Mit diesem Faustschlag in Zeitlupe nimmt eine kinematographische Trauerstudie ihren Lauf, wie sie im Kino noch nicht zu sehen war. Wie mit dem plötzlichen Tod der 17-jährigen Tochter umgehen? In der nächsten Einstellung gießt Jessies Mutter Ella, gespielt von einer zurückhaltend-intensiven Birgit Minichmayr, Blumen am Grab der Tochter. Sie telefoniert dabei, und es ist klar, dass diese Beiläufigkeit, dieses Alltagbewältigen um der Bewältigung willen eine völlig natürliche Strategie ist: Immer in Bewegung bleiben. Mit Everytime war die österreichische Regisseurin Sandra Wollner erstmals in Cannes zu Gast und gewann prompt den Hauptpreis in der Sektion Un Certain Regard. In ihren konzentrierten, formal eigensinnigen und immer auch medienreflexiven Filmen spielt Wollner mit unserer Wahrnehmung. Und ihr Kino ist immer auch eins der Erinnerungen, sie habe, erzählte die Regisseurin einmal, einen Fetisch für Erinnerungen.

Ihr erster Spielfilm, »Das unmögliche Bild«, gefilmt auf 16-mm-Material, wirkte, als sei er ein Homevideo aus den 1950er Jahren. Nachdem der Vater vor der Kamera tot umfällt, übernimmt die Tochter und hält das familiäre Treiben fest. Langsam schält sich eine Narration um Engelmacherinnen heraus aus diesem Film, der das Pseudodokumentarische nutzt, um das Bild infrage zu stellen. Wollner wurde in Hof mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino ausgezeichnet und erhielt den Preis der Deutschen Filmkritik für den besten Spielfilm. In The Trouble with Being Born, der in der Berlinale-Sektion Encounters den Spezialpreis der Jury erhielt, erzählte sie von einem Androiden-Mädchen, das den Menschen als Projektionsfläche für Erinnerungen und familiäre Perversionen dient: einem Vater als künstliche Ersatztochter und Lustobjekt und einer alten Frau als deren vor 60 Jahren verstorbener Bruder. Was bedeuten Familie und Erinnerungen?

Diesen Fragen widmet sich Wollner auch in »Everytime«. Nach eigenem Drehbuch spannt sie ein enger werdendes Netz um Mutter Ella, ihre kleine Tochter Melli (Lotte Shirin Keiling) und um Lux, der die Nähe zu den beiden sucht. Zwischen Alltäglichkeiten auf Familienzusammenkünften, beim Skaten und fast schon Reenactments – Ella lässt sich von Lux die Drogen geben, die ihre Tochter an ihrem letzten Abend konsumiert hat, und läuft mit ihm den gleichen Weg zurück – schieben sich Sequenzen aus Jessies und Mellis auf einer grünen Insel spielendem Videospiel und (medial überlieferte) Erinnerungen in Form von alten Familienfotos und -videos. Darauf: ein Rummelplatz, Krebse am Meer, Baby-Jessie mit einem blinkenden Spielzeugroboter im Urlaubshotel auf Teneriffa, ein Sonnenfleck, der über einen grün bewucherten Berg tanzt. Melli liest auf ihrem Handy alte Nachrichten der Schwester und schreibt ihr weiterhin, Lux hört alte Nachrichten ab und lernt, wie Ella auch, zu trauern. Ein herausgerutschter Furz spielt, so verrückt das klingen mag, ­eine wichtige Rolle.

Wollners leise-wuchtiger Film ist durchzogen von Spiegelungen und Doppeldeutigkeiten: ein formales wie inhaltliches Abarbeiten an Erinnerungen und auch ein Spiel mit der Frage: Was, wenn alles immer ist? Auf Teneriffa, wo das Trio landet, brechen irgendwann so überraschend wie folgerichtig alle Dämme zwischen damals und heute, zwischen (Video-)Erinnerungen und sogar zwischen Realität und Videospiel. Und wenn am Ende eine eckige Sonne nicht untergehen will und alles plötzlich gleichzeitig zu passieren scheint, hat das etwas Heilendes in diesem Film, der uns neu sehen lässt.

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