Kritik zu Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden

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Sandra Prechtels gewagte Montage von Archivmaterialien erinnert an einen Künstler, der in den 80ern und 90ern die Theaterlandschaft aufriss.

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»Ich bin kein Mensch. Ich bin Dynamit.« Mit dieser radikalen Ansage endet Sandra Prechtels filmisches Denkmal für den Universalkünstler Einar Schleef. Die Sätze stammen aus Schleefs im Jahr 2000 am Deutschen Theater Berlin entstandener Inszenierung »Verratenes Volk«, in der er selbst aufgetreten ist und Passagen aus Friedrich Nietzsches »Ecce Homo« vorgetragen hat. Als er die Sätze spricht, ist der fast schon heilige Zorn, mit dem er Nietzsches Bekenntnisse und Anklagen dem Publikum zuvor entgegengeschleudert hat, einer erstaunlichen Milde gewichen. Ein wenig Trauer scheint nun in seiner Stimme mitzuschwingen. Dynamit zu sein, ist für ihn nicht nur die entscheidende Voraussetzung für seine Arbeit. Es ist auch eine Last, die unentwegt auf ihm liegt, ihn rastlos und heimatlos macht.

Diese erdrückende Last, die noch von einer mindestens ebenso schweren weiteren Bürde, der deutschen Geschichte, begleitet wurde, steht im Zentrum von Prechtels Dokumentation. Einar Schleefs Theaterarbeiten, die er zunächst noch in der DDR zusammen mit dem Regisseur B. K. Tragelehn als Bühnenbildner und Co-Regisseur am Berliner Ensemble und später in Frankfurt am Main und an verschiedenen Häusern im wiedervereinigten Deutschland realisiert hat, sind legendär. Sie zeugen mehr noch als seine schriftstellerischen Arbeiten, seine Gemälde und seine Fotos von der absoluten Kompromisslosigkeit seiner Kunst.

Schleef, der im Sommer 2001 mit 57 Jahren überraschend verstarb, hat den Chor als gesellschaftlichen Körper auf den Bühnen etabliert und damit das deutsche Theater in den 1980er und -90er Jahren aus seiner bürgerlichen Erstarrung gerissen. In den Kritiken zu seinen Frankfurter Inszenierungen war oft von einer »faschistoiden « und »menschenverachtenden « Ästhetik die Rede. Aber Schleefs Chöre haben ebenso wie seine Überzeugung, dass Krieg der eigentliche Ausdruck der deutschen Wirklichkeit ist, den Finger in gesellschaftliche und historische Wunden gelegt und den Faschismus in all seinen Ausprägungen entlarvt. Seine Klassiker-Inszenierungen, aus denen Prechtel kurze Ausschnitte zeigt, haben selbst heute, vierzig Jahre später, noch eine enorme Sprengkraft.

»Ich habe kein Deutschland gefunden« teilt mit Schleefs Werk eine absolute Dringlichkeit und einen unbedingten Willen zu einer Kunst, die verstört und nicht beruhigt. Sandra Prechtel hat aus Archivmaterialien, zu denen Ausschnitte von Inszenierungsmitschnitten, kurze Einblicke in Probenarbeiten, Fernsehauftritte und Dokumentaraufnahmen von Schleef in Berlin und in seiner Geburtsstadt Sangerhausen gehören, ein Porträt geformt, das fast schon wie ein Selbstporträt, eine Art Tagebuch in Bildern, wirkt. Um diesen Eindruck noch zu verstärken, erklingen auf der Tonspur Passagen aus Schleefs Tagebüchern, eingesprochen von einer KI, die seiner Stimme zum Verwechseln ähnelt. Außerdem stellt Prechtel ganz selbstverständlich 8-mm-Filmmaterial, das gar nicht von ihm stammt, neben seine Fotos. Diese Manipulationen kann man hinterfragen. Doch letztlich lebt in ihnen etwas von Schleefs Geist fort. Jedes Mittel ist recht, wenn es gilt, die Wunde Deutschland aufzureißen und das Publikum mit all dem zu konfrontieren, was es womöglich verdrängt und verleugnet.

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