Kritik zu Ein Sommer in der Provence

© Concorde

2014
Original-Titel: 
Avis de mistral
Filmstart in Deutschland: 
25.09.2014
L: 
103 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Jean Reno spielt einen mürrischen Großvater, der die eigenen Enkelkinder erst kennenlernen muss – wozu eine Gruppe Biker und die Schönheiten der südfranzösischen Landschaft ihren Teil beitragen

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Alle Wege führen nach Rom, doch der französische Film stellt diese alte Redewendung auf den Kopf. Hier fahren die Protagonisten in erstaunlicher Regelmäßigkeit weg vom Pariser Zentrum in die Provinz. Oder, wie in Rose Boschs entspannter Sommerkomödie, in die Provence. Dort lebt der wortkarge Paul, von Jean Reno so gespielt, als hätte Leon, der Profi, sich auf seinen Altersruhesitz zurückgezogen. Der bärbeißige Olivenzüchter bewohnt ein stilvoll verwittertes Bauernhaus, das wohl jede Frauenzeitschrift als Geheimtipp feiern würde. Touristen sind an diesem idyllischen Ort nicht willkommen. Hierher bringt seine Frau Irène (Anna Galiena) ohne Vorwarnung Pauls drei Enkelkinder – die er nie zuvor gesehen hat.

Der selbstgenügsame Naturmensch, der nur mit seinen Bäumen redet, und die lärmenden Pariser Großstadtkids: Dieser tausendmal gesehene Konflikt scheint nicht gerade den Stoff für einen Kinohit zu bergen. Doch nach Le Rafle (Die Kinder von Paris), ihrem bemerkenswerten Historiendrama über die Deportation jüdischer Jugendlicher, bleibt Rose Bosch ihrem Kernthema, den Kindern, treu. Mit Blick für Details denkt sie sich hinein in die beiden zwangsurlaubenden Jugendlichen Léa (Chloé Jouannet) und Adrien (Hugo Dessioux). Schönheiten der südfranzösischen Landschaft, die der Film in verschwenderischer Fülle präsentiert, lassen die beiden kalt, aber das schwächelnde Handynetz grenzt für sie an einen Super-GAU.

Weil Rose Bosch die vermeintlichen Nöte der Generation Smartphone ernst nimmt, gelingt ihr eine echte Pointe. Adrien meldet den einzelgängerischen Großvater heimlich bei einem sozialen Netzwerk an. Ein digitaler Streich mit unerwarteten Folgen, denn plötzlich knattern zwischen den Olivenbäumen schwere Harleys, die wie filmische Wiedergänger aus Easy Rider anmuten: Pauls vergessene Motorradfreunde. Mit dieser charmanten Mischung aus Ironie und überdrehtem Retroexzess, effektvoll unterlegt mit dem 60er-Jahre Hit-»Venus« von Shocking Blue, gelingt zugleich ein etwas anderer Brückenschlag: Der Aussteigergroßvater  mit ausgeprägter Aversion gegen die Elek­triktricks des Internets, profitiert unerwartet von moderner Kommunikation. Und die zunächst tödlich gelangweilten Teenager erfahren mit leuchtenden Augen, dass ihre Großmutter einst als Sexgöttin angebetet wurde.

Mit diesem Sommer in der Provence schüttelt Bosch eine typisch französische Stilübung aus dem Handgelenk, entspannt, unprätentiös und mit Gespür für Stimmungen. Immer wieder taucht der Film ein in die Perspektive des sechsjährigen Bruders Théo (Lukas Pelissier), der die ihn umgebenden Wunder der Natur auf die stille Sichtweise eines Gehörlosen entdeckt. Während des Abspanns erklärt die Regisseurin noch einmal, was sie da eigentlich gemacht hat. Auf einem Touchscreen lässt eine Frauenhand die schönsten Szenen Revue passieren und greift abwechselnd zu einer appetitlichen Frucht: Die nicht ganz zufällige Begegnung zwischen einer Erdbeere und einem Tablet-PC auf einem südfranzösischen Holztisch: Alltagssurrealismus zum Entspannen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns