Kritik zu Draußen in meinem Kopf

© Salzgeber

In ihrem Spielfilmdebüt erzählt Eibe Maleen Krebs von einer Freundschaft, die Grenzen überwindet. Mit Samuel Koch in der Hauptrolle eines von Muskelschwund gelähmten jungen Mannes

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Zuerst überwältigt einen ein Gefühl von Enge und Ausweglosigkeit. Svens Zimmer hat trotz der Bilder und Regale, Bücher und CDs, etwas zutiefst Bedrückendes. Für den unter Muskelschwund leidenden 28-Jährigen ist die Welt auf diesen einen kleinen Raum zusammengeschrumpft. Er hat diesem Zimmer in einem Pflegeheim zwar seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt, aber auch das ändert nichts an der klaustrophobischen Atmosphäre.

Sven ist in seinem Körper gefangen, und in seinem Zimmer spiegelt sich dieser Zustand des Eingesperrtseins. So empfindet es zumindest Christoph, der im Rahmen seines Freiwilligen Sozialen Jahres Sven als Betreuer zugeteilt wird. Seine Anspannung bei der ersten Begegnung mit dem ans Bett gefesselten jungen Mann ist fast schon physisch spürbar. Eibe Maleen Krebs und ihre Kamerafrau Judith Kaufmann verengen in diesen ersten Szenen von »Draußen in meinem Kopf« den Raum so sehr, dass sich auch der Betrachter eingesperrt fühlt. Fliehen, raus ins Freie und Offene, dieser Impuls drängt sich einem regelrecht auf, und auch der von Nils Hohenhövel gespielte FSJler scheint davon erfasst. Svens Welt entsetzt und verstört ihn. Aber zugleich hat er auch den Wunsch, das Richtige zu tun und zu helfen. Also zerreißt es Christoph erst einmal innerlich, und Hohenhövel reichen kleine Gesten und einige fragende Blicke, um diesem Zwiespalt Ausdruck zu verleihen.

Je näher sich Sven und Christoph kommen, desto offener wirkt auch das Zimmer, das der Film erst ganz am Ende verlässt. Eibe Maleen Krebs und Judith Kaufmann gelingt es, mittels geschickter Perspektivwechsel den Widerspruch in Svens Leben in Bilder zu fassen. Auf der einen Seite ist dem nahezu vollständig gelähmten 28-Jährigen nichts als dieses eine Zimmer geblieben. Auf der anderen Seite braucht es kaum mehr. Denn die Welt, von der »Draußen in meinem Kopf« erzählt, liegt letztlich jenseits des Körperlichen. Der Schauspieler Samuel Koch, der seit seinem »Wetten, dass ..?«-Auftritt 2010 querschnittgelähmt ist, verleiht den Sehnsüchten und der Verzweiflung seiner Figur alleine durch Mikroausdrücke und das Spiel seiner fortwährend den Raum durchmessenden Augen ein enormes Gewicht.

Sven hat nicht ohne Grund eine Vorliebe für die Musik Johann Sebastian Bachs und hört immer wieder dessen Kantaten. Natürlich reizen ihn auch das Morbide, die Todessehnsucht, die in Bachs »Komm, süßer Tod« mitschwingen. Doch das ist nicht alles. Bachs Kompositionen strahlen eine fast heitere Gelassenheit im Angesicht des Unvermeidlichen aus. Etwas von diesem erhabenen Gleichmut erfüllt auch den Film. Svens Krankheit ist Qual und Tragödie, aber er überwindet beides. In der Freundschaft, die sich zwischen ihm und Christoph entwickelt, kulminiert schließlich ein Menschen- und Weltbild, das sich von beengenden Vorstellungen und Ideen löst.

Eine beinahe schon erotische Spannung baut sich zwischen Nils Hohenhövel und Samuel Koch im Hin und Her der Blickwinkel auf. Aber diese Spannung geht über das Physische hinaus. Der Film untergräbt wohlfeile moralische Gewissheiten und konfrontiert den Zuschauer mit einem Konzept von Freundschaft und Liebe, das etwas Beängstigendes und zugleich etwas Überwältigendes hat.

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